„Es fehlt nach wie vor eine systematische Verankerung der außerschulischen politischen Jugend- und Erwachsenenbildung an Hochschulen.“ Fünf Fragen an Bettina Lösch

Prof.in Dr.in Bettina Lösch forscht an der Universität zu Köln. Ihre Forschungsschwerpunkte konzentrieren sich auf eine kritische politische Bildung und die sozialen Ungleichheitsstrukturen race-class-gender. Als Politikwissenschaftlerin liegt ihr fachinhaltlicher Schwerpunkt auf Demokratietheorien bzw. einer zeitgenössischen Diagnose von Demokratie und Staatlichkeit in (globalen) Transformationsprozessen.


Prof.in Dr.in Bettina Lösch (Foto: privat)

Prof.in Dr.in Bettina Lösch forscht an der Universität zu Köln. Ihre Forschungsschwerpunkte konzentrieren sich auf eine kritische politische Bildung und die sozialen Ungleichheitsstrukturen race-class-gender. Als Politikwissenschaftlerin liegt ihr fachinhaltlicher Schwerpunkt auf Demokratietheorien bzw. einer zeitgenössischen Diagnose von Demokratie und Staatlichkeit in (globalen) Transformationsprozessen. Sie fordert mehr Forschung zu fachinhaltlichen Grundlagen und besonders zu Class-, Gender- und Queerthemen in der politischen Bildung.

1. Was ist Ihr aktuelles und was war Ihr letztes Forschungsprojekt zur politischen Bildung?

Mein letztes Forschungsprojekt war eine Literaturstudie zum Thema „Geschlecht ist politisch. Genderreflexive Perspektiven in der politischen Bildung“. Außerdem habe ich an einer Broschüre für Lehramtsstudierende zum Thema "What about class? Materialien und Methoden für eine klassenbewusste Bildung" mitgewirkt. Ich betreue darüber hinaus einige Dissertationsthemen, die die Forschungsarbeit im Feld der politischen Bildung sicherlich um originelle Ergebnisse bereichern. Dazu gehören die abgeschlossenen Arbeiten von Maryam Mohseni zum Thema „Empowermentworkshops und politische Bildung“ und von Anja Hirsch zu „Unternehmensnahe Stiftungen und politische Bildung“.

Darunter fallen auch aktuelle Promotionsprojekte z.B. zum Thema „Politische Bildung in Zwangskontexten wie dem Jugendstrafvollzug“, „Extremismustheorie und politische Bildung“, „Staats- und gesellschaftstheoretische Begründung von politischer Bildung“ sowie „Politische Handlungskompetenz für eine inklusive politische Bildung“. 

Durch die Betreuung von zahlreichen Studienprojekten zum Thema Schüler_innen-Vorstellungen habe ich viele Eindrücke zum forschenden Lernen und zu Unterschieden von konstruktivistischen und kritischen gesellschaftstheoretischen Zugängen in Hinblick auf empirische fachdidaktische Forschung sammeln können. Diese Erfahrungen würde ich gerne in einer Forschungsarbeit systematisieren und in nächster Zeit dazu etwas publizieren.

 

2. Welche Ihrer Forschungsergebnisse halten Sie für besonders relevant für die Praxis politischer Bildung?

In dem Forschungsprojekt zu Gender und politischer Bildung konnten wir feststellen, dass die schulische Politikdidaktik noch zu sehr in binären Geschlechtermodellen verharrt und dekonstruktive und queere Ansätze zu wenig aufgreift. Überhaupt sind Gender- und Queerthemen leider nach wie vor eher Randthemen. Die Arbeitsgruppe zu politischer Bildung an der Uni Köln hat außerdem festgestellt, dass das Thema class so gut wie gar nicht in der politischen Bildung thematisiert wird.

Derzeit werden zwar Methoden und Broschüren zum Thema Klassismus veröffentlicht. Klassismus bezieht sich aber meist nur auf die individuelle oder sprachliche Diskriminierungsebene. Die Kategorie class umfasst aber mehr. Sie beschreibt Herrschafts- und Ausbeutungsverhältnisse und ist auf struktureller und institutioneller Ebene wirksam. Der Diskurs in der Jugend- und Erwachsenenbildung zum Thema Klassismus wird wissenschaftlich kaum kritisch begleitet. Generell fehlt nach wie vor eine systematische Verankerung der außerschulischen politischen Jugend- und Erwachsenenbildung an Hochschulen.

3. Welche Themen im Kontext politischer Bildung sollten Ihrer Meinung nach beforscht werden? 

Wir benötigen mehr Forschung zu den fachinhaltlichen Grundlagen und den zentralen gesellschaftlichen Krisen und Problemlagen in der politischen Bildung. Politische Bildung basiert auf dem demokratischen Prinzip. Was ist aber, wenn demokratische Strukturen eingeschränkt oder unterminiert werden? Was ist dann die Basis der politischen Bildungsarbeit? Ein normativ aufgeladenes Demokratieverständnis reicht für eine professionelle politische Bildung nicht aus. In der politischen Bildung wollen wir gesamtgesellschaftliche Zusammenhänge verstehen, diese kritisieren und handelnd eingreifen können.

Es geht in der politischen Bildung nicht darum, zur Demokratie zu erziehen oder diese (in ihrer Idealvorstellung) zu simulieren. Was also heißt politische Bildung in einer multiplen Krisensituation, einer ökologischen Krise, wirtschaftlichen Krise, Krise der Reproduktion (z.B. der Wohnungs-, Bildungs-, Gesundheitspolitik) sowie einer Krise der politischen Repräsentation? Für mich gehört auch die Erforschung und Thematisierung von Macht-, Herrschafts- und Ungleichheitsstrukturen dazu: Wie wirken sich race-class-gender auf politische Bildung aus? Wie werden sie in der politischen Bildungsarbeit thematisiert? Trotz einiger (Container-)Begriffe wie Inklusion, Partizipation und Diversität gibt es hier noch viele Leerstellen.

4. Welchen Gewinn für die politische Bildung kann ein Dialog von Wissenschaft und Praxis bringen sowie ein Austausch sowohl zwischen den Wissenschaftsdisziplinen als auch innerhalb dieser?

Als gesellschaftskritische Wissenschaftlerin arbeite ich stets interdisziplinär und kann mir meine Arbeit ohne Austausch mit einer außeruniversitären Praxis kaum vorstellen. Das würde meines Erachtens Wissenschaft völlig irrelevant machen. Ich kann allerdings die Gegenüberstellung von Wissenschaft und Praxis nicht ganz nachvollziehen, denn Wissenschaft ist auch eine Praxis. Es ist wichtig sich nicht nur mit staatlichen Institutionen oder Schulen etc. auszutauschen, sondern auch mit zivilgesellschaftlichen und bewegungsnahen Akteur_innen in der politischen Bildung.

So gibt es zum Beispiel sehr gute und bereichernde politische Bildungsarbeit und -materialien aus dem emanzipatorischen bewegungsnahen Bildungskontext. Hier geht es vor allem darum, durch Forschung eine Wertschätzung und Anerkennung dieser für eine demokratische Gesellschaft wichtigen Bildungspraxis zu gewährleisten.

5. Die Fachstelle politische Bildung hat eine Landkarte der Forschung zur politischen Bildung entwickelt, um Austausch und feldübergreifende Zusammenarbeit zu fördern: zwischen und innerhalb der Wissenschaftsdisziplinen, aber auch zwischen Wissenschaft und Praxis. Sie sind dort mit einem Eintrag vertreten.  Über welche Kontaktaufnahmen oder Anfragen anderer Wissenschaftler_innen, Praktiker_innen oder sonstiger Interessierter würden Sie sich freuen?

Ich bin im Forum kritische politische Bildung vernetzt. Das ergibt für mich Sinn, da sich hier Kolleg_innen austauschen, die auf kritische Gesellschaftstheorien rekurrieren. Ich hoffe aber auch, dass nach der Corona-Krise wieder mehr realer Austausch auf wissenschaftlichen Tagungen und Konferenzen möglich sein wird. Ich vermisse den Austausch und die Nähe zum kollegialen Feld – auch die stets notwendigen Kontroversen.

Veröffentlicht am 23.09.2020

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