„Orientierung ist auszuhandeln“. Interview mit Helle Becker zum 26. Deutschen Präventionstag

Am 10. und 11. Mai 2021 laden das Land Nordrhein-Westfalen und die Stadt Köln gemeinsam mit der Deutschen Präventionstag gGmbH zum 26. Deutschen Präventionstag (DPT) ein. Die Leiterin der Fachstelle politische Bildung gab vorab ein Interview zum Kongressthema „Prävention orientiert!“


Dr.in Helle Becker, Foto: ©Schempershofe

Dr.in Helle Becker, Foto: ©Schempershofe

Am 10. und 11. Mai 2021 laden das Land Nordrhein-Westfalen und die Stadt Köln gemeinsam mit der Deutschen Präventionstag gGmbH zum 26. Deutschen Präventionstag (DPT) ein. Die Leiterin der Fachstelle politische Bildung gab vorab ein Interview zum Kongressthema „Prävention orientiert!“

Unter dem Motto „Prävention orientiert!“ legt der Jahreskongress 2021 seinen Schwerpunkt auf die zentrale Rolle der Prävention in Krisenzeiten sowie die Bedeutung von Bildung und lebenslangem Lernen im Prozess der Krisenbewältigung. In diesem Rahmen spricht Dr.in Helle Becker, Geschäftsführerin von Transfer für Bildung e.V. und Leiterin der Fachstelle politische Bildung, in einem Videointerview über die Frage von Orientierung und Chancen von politischer Bildung in der aktuellen Krise.

 

Die Bedeutung von Bildung und lebenslangem Lernen im Prozess der Krisenbewältigung

Durch die andauernde Pandemie entstehen Verunsicherungen. Der Deutsche Präventionstag möchte daher ein Zeichen setzen und zeigen, „dass gerade die Prävention – als wissenschaftlich basiertes vorausschauendes Handeln – in Krisenzeiten richtungsweisender Ratgeber und Orientierungspunkt ist.“

Dr.in Helle Becker stellt im Interview infrage, dass Wissenschaft Handlungsanweisungen für die Politik geben könne. Genauso wenig gebe politische Bildung Orientierung im Sinne politischer Meinungen und Urteil vor. Politische Bildung habe demgegenüber die Aufgabe, Orientierungsfähigkeit zu fördern. Dazu gehöre es, nach der Legitimation von politischen Maßnahmen zu fragen und welche Interessen welche Geltung erhalten sollen. In der Corona-Pandemie stellen viele Menschen die Frage nach Macht und Herrschaft, eine Kernfrage politischer Bildung. Über Meinungsaustausch und -streit orientieren sich Menschen, so Becker. Dabei sei wichtig, dass zunächst jede Meinung gehört und ihre Sinnhaftigkeit für die Einzelnen wertgeschätzt wird. Auch das sei eine Form von Orientierung. Dann sei es wichtig, eine reflexive Ebene zu erreichen, Perspektiven zu erweitern und abzuwägen.

 

Bildung als Selbstbildung

Zum Thema Bildung macht Becker deutlich „wir sind der Überzeugung, dass Bildung nur als Selbstbildung erfolgen kann. Es geht nicht um Belehrung, sondern darum, Menschen in die Lage zu versetzen, ihre Bildungsprozesse selbst zu steuern. Es müssen Angebote gemacht und Gelegenheiten geschaffen werden, um Erfahrungen zu machen, sich auszutauschen, über Dinge nachzudenken.“ All das unter der Annahme, dass alle Menschen, auch Kinder und Jugendliche, politische Ideen und politische Überlegungen haben und über die Verfasstheit von Welt und Gesellschaft nachdenken. Hierfür müssen Räume geschaffen und Anregungen gegeben werden, denn gerade für Kinder und Jugendliche sowie weitere gesellschaftlich marginalisierte Gruppen werden immer mehr Räume geschlossen. Politische Bildung setze sich immer dafür ein, diese zu erweitern, so Becker.


Chancen politischer Bildung

Für die politische Bildung hat die Corona-Pandemie zwei Seiten. Einerseits lassen sich viele Formate der politischen Bildung sehr gut digital umsetzen und bieten zeitlich und räumlich neue Möglichkeiten. Die nicht-formale politische Bildung hat sehr schnell reagiert, technisch und didaktisch. Auf der anderen Seite bleibt die Bedeutung der realen Begegnung, geteilter, auf informeller, Erfahrungen und geschützter Räume, wie beispielsweise Bildungsstätten sie bieten.

Für Becker zeichnet sich in vielen aktuellen Diskussionen ein eher einfaches Demokratieverständnis ab, z.B. „Demokratie ist Mehrheit“. Hier sieht sie eine Chance für politische Bildung, in dem sie darauf aufmerksam machen könne, dass mehr Wissen und Reflexion sowie eine Perspektiverweiterung –eigene Interessen vs. gemeinschaftliches Interesse – notwendig sind, um zu gerechten und legitimierten Urteilen zu kommen. Sie könne danach fragen, welche Rolle Öffentlichkeit für die Demokratie spielt, Handlungsfähigkeit fördern sowie überlegen, wie man diejenigen beteiligen kann, die wenig gehört werden

Das Interview steht für alle am 26. DPT angemeldeten Teilnehmenden online zur Verfügung.

 

Deutscher Präventionstag

Der Deutsche Präventionstag ist ein jährlich stattfindender Jahreskongress für das Arbeitsgebiet der Kriminalprävention sowie angrenzender Präventionsbereiche (z.B. Suchtprävention, Verkehrsprävention). Er bietet eine internationale Plattform zum interdisziplinären Informations- und Erfahrungsaustausch.

Unter dem Motto „Prävention orientiert!“ legt der Jahreskongress seinen Schwerpunkt in diesem Jahr auf die zentrale Rolle der Prävention in Krisenzeiten sowie die Bedeutung von Bildung und lebenslangem Lernen im Prozess der Krisenbewältigung. Auf der Suche nach Chancen in dieser Krise messen die Veranstalter dem Bildungsbereich eine besondere Rolle bei, um Bestehendes zu überdenken und ggfs. neue Prioritäten zu setzen. Daher soll auf dem Kongress eine „grundsätzliche, inhaltlich-strategische Betrachtung von Bildung zwischen Wissensvermittlung, sozialem Lernen und politischer Bildung“ (DPT ) erfolgen. Thema sind außerdem neue oder alternative Lern- und Präventionskonzepte, in denen aktuelle neurologische, psychologische sowie pädagogische Erkenntnisse umgesetzt werden.

In diesem Jahr gibt es mit dem DPT-Foyer außerdem ein neues Zusatzangebot, das zwischen dem 15. Februar und 30. September 2021 im Vorfeld und im Nachgang Vernetzung und Informationsvermittlung online ermöglicht. Hier ist auch das Interview mit Helle Becker eingestellt.



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