„Wir machen Zukunft – Jetzt!": Das Motto des 17. Deutschen Kinder- und Jugendhilfetags (DJHT)

„Junge Menschen und die Kinder- und Jugendhilfe machen gemeinsam und solidarisch Zukunft – Jetzt.“ Das war das Motto des 17. Deutschen Kinder- Jugendhilfetags (DJHT), den die Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendhilfe (AGJ) vom 18.-20. Mai – zum ersten Mal rein digital – veranstaltete. Das Motto traf den Nerv der Fachstelle politische Bildung, weil sie die Vielfalt und Diversität der Handlungsfelder in der Jugendhilfe auch für die politische Bildung als Gewinn sieht und sich für mehr Austausch und Zusammenarbeit zwischen und innerhalb von Wissenschaft und Praxis einsetzt. Und auch das Thema politische Bildung, Demokratiebildung oder, wie der Auftrag des 16. Kinder- und Jugendberichts lautete, die „Förderung demokratischer Bildung im Kindes- und Jugendalter“, stand im Mittelpunkt vieler Veranstaltungen des DJHT.


„Junge Menschen und die Kinder- und Jugendhilfe machen gemeinsam und solidarisch Zukunft – Jetzt.“ Das war das Motto des 17. Deutschen Kinder- Jugendhilfetags (DJHT), den die Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendhilfe (AGJ) vom 18.-20. Mai – zum ersten Mal rein digital – veranstaltete. Das Motto traf den Nerv der Fachstelle politische Bildung, weil sie die Vielfalt und Diversität der Handlungsfelder in der Jugendhilfe auch für die politische Bildung als Gewinn sieht und sich für mehr Austausch und Zusammenarbeit zwischen und innerhalb von Wissenschaft und Praxis einsetzt. Und auch das Thema politische Bildung, Demokratiebildung oder, wie der Auftrag des 16. Kinder- und Jugendberichts lautete, die „Förderung demokratischer Bildung im Kindes- und Jugendalter“, stand im Mittelpunkt vieler Veranstaltungen des DJHT.

Politische Bildung/Demokratiebildung in der Kinder- und Jugendhilfe

In den verschiedenen Veranstaltungen wurde bestätigt, was die Fachstelle politische Bildung mit ihren Analysen und Impulsen schon länger thematisiert und Helle Becker zuletzt in einer Expertise für den Kinder- und Jugendbericht untersuchte: Politische Bildung ist im Feld der Kinder- und Jugendarbeit vielfältig vertreten. In Workshops und Foren bestätigten Vertreter*innen aus der Offenen Kinder- und Jugendarbeit, Kinder- und Jugendarbeit im Sport, Jugendverbandsarbeit und Jugendsozialarbeit diesen Befund. Sie bekräftigten ihre Absicht, politische Bildung und Demokratiebildung stärker in der Praxis zu verankern und über unterschiedliche Konzepte ins Gespräch zu kommen. Das Verständnis eines „Demokratieauftrags“ und politischer Bildung als Querschnittsaufgabe wurde über die Kinder- und Jugendarbeit hinaus betont. So gab es Appelle aus dem Bereich der Erzieherischen Hilfen und junger Menschen mit Beeinträchtigungen, politische Bildung auch in diesen Praxisfeldern zu stärken.


Mehr Forschung, mehr Austausch

Sichtbar wurde aber auch: Es gibt große Unterschiede hinsichtlich des fachlichen Selbstverständnisses, der Konzepte und der Wahrnehmung sozialer Räume als Räume politischer Bildungsgelegenheiten. Und es gibt Nachholbedarf. Mehrfach wurde von Mitgliedern der Sachverständigenkommission des Kinder- und Jugendberichts betont, dass es zu wenige wissenschaftliche Studien zur politischen Bildung gibt und der Bericht daher mehr Lücken als gesicherte Befunde zur Praxis vorweisen kann. Die Diskussion im Fachforum „Von Messbarkeit und Wirksamkeit in der Kinder- und Jugendarbeit“ bestätigte exemplarisch den Bedarf nach weiterer Forschung, um die Qualität der Praxis der Jugendarbeit langfristig und nachhaltig zu sichern und zu steigern. Eng damit verknüpft ist der Mangel an adäquaten Ausbildungs- und Fortbildungsmöglichkeiten für die außerschulische politische Bildung; diese wurden aber auch als fester Bestandteil der Lehrer*innen-Ausbildung gefordert.


Vernetzung vor Ort

„Vor Ort“ passiert es – oder eben nicht. Spricht man über eine bessere gegenseitige Wahrnehmung, Vernetzung und Zusammenarbeit, können Debatten nicht nur auf der Ebene von Verbänden und Wissenschaft geführt werden, sie müssen in der Praxis ermöglicht werden. Ein Ansatz, der in den letzten Jahren mit großen Hoffnungen verbunden wurde, war die Vernetzung von Akteuren zu kommunalen „Bildungslandschaften“. Im Fachforum „Bildungslandschaften und Jugendarbeit – hopp oder top? Ergebnisse eines Praxisforschungsprojektes in der Diskussion“ stellten Prof. Dr. Werner Thole und Heike Gumz, Universität Kassel, Ergebnisse eines Forschungsprojekts vor, das lokale, regionale oder kommunale Netzwerke von Akteuren formaler und nonformaler Bildung untersuchte. Ihre Bilanz ist wenig ermutigend. Die Forscher*innen sprachen von einem Paradigmenwechsel, durch den Bildungslandschaften aufgrund von Verwaltungslogiken zu „Betreuungslandschaften“ werden. Wieder einmal wurde gefordert, dass sich Bildungsakteure aus Feldern der Jugendarbeit mit der Schule über ihre jeweiligen Bildungsverständnisse austauschen müssen, wenn sie in Zukunft nicht nur als Betreuungsinstitutionen, sondern vor allem als Bildungsinstitutionen wahrgenommen werden möchten. (Auch) hier scheint die Heterogenität innerhalb von Jugendarbeit und nonformaler Bildungsarbeit eine Herausforderung für eine adäquate Wahrnehmung zu sein. Ähnliches wurde im Fachforum „Kommunale Bildungsberichte – Non-formale Bildung im Kinder- und Jugendalter sichtbar machen“ deutlich.

Nicht erst seit der Coronakrise ist also spürbar, dass sich die öffentliche Diskussion, wenn es um Belange von Kindern und Jugendlichen geht, vor allem um Schule und Betreuung dreht. Einer geforderten Demokratisierung der Lebenswelt und der Beteiligung junger Menschen an politischen Entscheidungen – z.B. durch die strukturelle und gesetzliche Etablierung von Jugendmitbestimmungsgremien in Kommunen und Ländern oder durch die Absenkung des Wahlalters –, fehlt es, ebenso wie der Kinder- und Jugendpolitik und der Kinder- und Jugendhilfe, häufig an politischer Relevanz, so ein Diskussionsfazit auf dem DJHT.

Nicht überraschend war es daher, dass Kooperation zwischen Schulen und Trägern der außerschulischen Jugendarbeit und Jugendsozialarbeit ein weiteres prominentes Thema war. Die Notwendigkeit dieser Kooperationen wurde unter anderem damit begründet, dass Schulen aufgrund zeitlicher und personeller Ressourcenmängel sowie teils fehlender Expertise auf außerschulische Akteure im Bereich politischer Bildung angewiesen sind. Außerschulische Träger erhoffen sich durch Kooperation Zugang zu jungen Menschen, die sie ansonsten eher weniger mit ihren Bildungsangeboten erreichen. In den Veranstaltungen wurde deutlich, dass sich beim Thema Kooperationen zwischen Schule und außerschulischer politischer Bildung in den letzten Jahren wenig getan hat. Zwar sind solche Kooperationen alltägliche Praxis und es gibt spezifische Projekte in diesem Bereich (z.B. Respekt Coaches, Alles Glaubenssache?), allerdings fehlt bislang ein systematischer struktureller Ansatz für eine Zusammenarbeit.

Asymmetrische Beziehungen zwischen Schule und Jugendbildung, „unpassende zeitliche Strukturen, ungeeignete oder fehlende Räume und komplizierte rechtliche Bedingungen“* (Transferstelle politische Bildung c/o Transfer für Bildung e.V. (2017): Gemeinsam stärker!? Kooperationen zwischen außerschulischer politischer Bildung und Schule. Essen, S.18) sowie unterschiedliche Bildungskonzepte sind nach wie vor die größten „Baustellen“ bei solchen Kooperationen, ebenso fehlende wissenschaftliche empirische Erkenntnisse für diesen Bereich. Aufgrund dessen waren wir besonders interessiert an Oliver Bokelmanns (Westfälische Wilhelms-Universität Münster) Vorstellung seiner Dissertation zum Thema „Demokratiepädagogik in Kooperation von Jugendhilfe und Schule – eine explorativ-empirische Untersuchung der Aneignung demokratischer Kompetenzen“. Er widmet sich in seiner (noch nicht abgeschlossenen) wissenschaftlichen Untersuchung explizit der Schnittstelle von Schule und Demokratiebildung im außerschulischen Bereich. Der Forscher, der neben einer Online-Befragung an 384 Schulen auch als teilnehmender Beobachter bei Kooperationsprojekten teilnahm, betonte „machtarme“ Räume in den Kooperationsprojekten. Aus Sicht der befragten Schüler*innen würden sie dort motiviert, Dinge auszuprobieren und zu partizipieren. Diese Erlebnisse stellten sie in Kontrast mit anderen Erfahrungen in der Schule, in der sie aufgrund der Hierarchien und zu erbringenden Leistungen einem gewissen Druck und Zwang ausgesetzt seien.

Vielleicht kann man aus den langjährigen Erfahrungen mit Kooperationen zwischen Schule und politischer Bildung etwas für Kooperationen zwischen Feldern der Jugendarbeit lernen. Jedenfalls zeigten uns die Inputs und Diskussionen zur Offenen Kinder- und Jugendarbeit (OKJA), dass wir mit unserem aktuellen Projekt „OPEN – Offene Jugendarbeit und politische Bildung gemeinsam engagiert“ „mitten im Geschehen“ agieren, anschlussfähig an die einschlägigen Fachdiskurse sind und sie mit den zu erwartenden Erfahrungen und Ergebnissen anreichern können. Mit OPEN wollen wir etwas umsetzen, was in etlichen Workshops gefordert wurde: mehr Zusammenarbeit innerhalb der Jugendarbeit ermöglichen und dafür Modelle und Anregungen entwickeln. Dafür begleiten wir langfristige strukturelle Partnerschaften zwischen OKJA und politischer Jugendbildung in NRW. Das gewonnene Know-how möchten wir in den politischen Diskurs einspeisen und dazu beitragen, die Bedingungen für Kooperationen zur politischen Bildung zu verbessern. Mehrere Veranstaltungen boten aufschlussreiche Informationen und Einblicke für das Projekt OPEN. So kann die Internetpräsenz „Alles Wissen in der Offenen Kinder- und Jugendarbeit“ mit einer Sammlung von Fachpublikationen zur OKJA deren Fachlichkeit unterstützen. Im Workshop „Politische Interventionen im Arbeitsfeld Offene Kinder- und Jugendarbeit“ stand der Umgang von Fachkräften und Entscheider*innen mit Einflussnahmen und Angriffen politischer Akteur*innen im Zentrum.


Die Fachstelle war dabei und hat gehört

Neben dem Besuch von zahlreichen Veranstaltungen und reichlich Gelegenheiten für Gespräche haben wir an einem digitalen Messestand das digitale Bücherregal mit unseren Broschüren gefüllt und sind in eigens konzipierten Liveveranstaltungen zu unseren Tools in den Austausch getreten.

Insgesamt sieht sich die Fachstelle darin bestätigt, dass das Verstehen und die Überwindung struktureller und konzeptioneller Unterschiede langwierige Prozesse sind und Unterstützung benötigen. Vernetzung, gegenseitiges Kennenlernen, das gemeinsame Ausloten fachlicher Parameter und eine feldübergreifende Zusammenarbeit sind genauso wichtig wie auch weiterhin der Bedarf an mehr (empirischer) Forschung im Bereich der politischen Bildung. Der diesjährige DJHT hat für uns einmal mehr gezeigt, dass es gerade in den Feldern der Kinder- und Jugendhilfe viel Potenzial, aber auch weiterhin viel Bedarf, für politische Bildung gibt.

 

Zum Weiterlesen

  • Vorstand der Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendhilfe, Leitpapier zum 17. Deutschen Kinder- und Jugendhilfetag (DJHT): „Wir machen Zukunft – Jetzt!" (September 2020) [ PDF | 6,8 MB ] sowie die einzelnen Forderungen als Sharepics.
  • Datenbankeintrag: Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hrsg.) (2020): 16. Kinder- und Jugendbericht. Förderung demokratischer Bildung im Kindes- und Jugendalter. Berlin (673 S.) mehr lesen
  • Datenbankeintrag: Becker, Helle (2020): Demokratiebildung und politische Bildung in den Handlungsfeldern der Kinder- und Jugendarbeit (SGB VIII § 11-13). Studie. Hrsg. vom Deutschen Jugendinstitut e.V.: Materialien zum 16. Kinder- und Jugendbericht (Januar 2020). mehr lesen
  • Becker, Helle (2020): Politische Jugendbildung in Deutschland. Zur Aktualität politischer Bildung mehr lesen
  • Becker, Helle (2021): Beengte Verhältnisse, erschwerende Bedingungen: Anmerkungen zum geforderten Dialog von Wissenschaft und Praxis. In: Klaus-Peter Hufer, Tonio Oeftering, Julia Oppermann (Hrsg.): Positionen der politischen Bildung 3. Interviews zur außerschulischen Jugend- und zur Erwachsenenbildung. Frankfurt/M, S. 250 mehr lesen
  • * Transferstelle politische Bildung c/o Transfer für Bildung e.V. (2017): Gemeinsam stärker!? Kooperationen zwischen außerschulischer politischer Bildung und Schule. mehr lesen


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