Fachforum „Politische Bildung und Sport“

Am 18. Mai 2020 diskutierten Expert_innen aus Wissenschaft und Praxis in einem digitalen Fachforum der Fachstelle politische Bildung zum Thema „Politische Bildung und Sport“.


Fachforum „Politische Bildung und Sport“

Am 18. Mai 2020 diskutierten Expert_innen aus Wissenschaft und Praxis in einem digitalen Fachforum der Fachstelle politische Bildung zum Thema „Politische Bildung und Sport“.


In Sportvereinen und -verbänden gibt es zahlreiche Initiativen und Kampagnen zu politischer Bildung / Demokratiebildung. Auch Fanprojekte, vereinsgebundene wie unabhängige, engagieren sich für positive Fankultur und in der Gewaltprävention, unter anderem dezidiert gegen Rechts, Rassismus und Homophobie und für Gleichheit und Vielfalt auf dem Platz, im Stadion und in der Gesellschaft. Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB), die bundesweite Dachorganisation des deutschen Sports, zählte 2019 ca. 27,57 Millionen Mitgliedschaften (vgl. DOSB 2019, S. 1)*, darunter ca. 9,7 Millionen Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene bis 26 Jahre (vgl. ebd., S. 12)**. Die Zahlen machen deutlich, dass im und durch Sport viele – und vor allem junge – Menschen erreicht werden und der Sportverein damit wichtige Sozialisationsinstanz und Bildungsort ist, auch für politische Bildung / Demokratiebildung – ausreichend Anlässe für die Fachstelle politische Bildung, zu einem Fachgespräch „Politische Bildung und Sport“ einzuladen.


Am Fachforum beteiligten sich Dr.in Helle Becker (Fachstelle politische Bildung), Prof. Dr. Ahmet Derecik (Universität Osnabrück), Fabian Fritz (HAW Hamburg), Michael Gabriel (Koordinationsstelle Fanprojekte dsj), David Jugel (Zentrum für inklusive politische Bildung), Nico Mikulic (Sportjugend Hessen / Projekt „DemoS!“), Prof. Dr. Nils Neuber (Universität Münster), Nina C. Reip (Netzwerk Sport & Politik), Prof. Dr. Albert Scherr (Pädagogische Hochschule Freiburg), Birger Schmidt (Lernort Stadion), Martin Schönwandt (dsj), Susanne Springborn (Sportjugend Brandburg / Projekt „Beraten, Bewegen – DRANBLEIBEN“), Céline Wendelgaß (Bildungsstätte Anne Frank), Martin Wonik (Sportjugend NRW).

Notwendige Differenzierungen

Die Topografie der Praxis politischer Bildung der Fachstelle macht deutlich, dass man nicht von der politischen Bildung sprechen kann. Je nach Praxisfeld mit den jeweiligen Rechtsgrundlagen, politischen Zuständigkeiten und Wissenschaftsbezügen, unterscheiden sich Zielgruppen, Bedingungen und fachliche Konzepte politischer Bildungsangebote. Die Diskussion im Fachgespräch machte deutlich, dass im Bereich Sport noch weitere Differenzierungen hinzukommen. So ist es ein Unterschied, ob man von politischer Bildung im Sportunterricht, im kommunalen Vereinssport, im Leistungssport oder in Fanszenen spricht. Die jeweiligen Rahmenbedingungen und vorhandenen Strukturen müssen unbedingt mitgedacht werden. Gleichzeitig zeigte die vorgenommene Differenzierung aber auch, dass es in allen Praxisfeldern und -ebenen im Sport zahlreiche Anknüpfungspunkte und Gelegenheiten für politische Bildungsprozesse gibt – es gilt sie zu erkennen und zu gestalten.

Immanente Werte und das Politische im Sport

Die Expert_innen diskutierten unter anderem die Frage nach den immanenten Werten im Sport, wie faire Leistung und faire Konkurrenz – unabhängig von Geschlecht, Herkunft oder sexueller Orientierung. Daraus lassen sich Fragen ableiten wie die, welche weiteren Werte und emanzipatorische Momente es in der Logik des Sports gibt, die Anlässe für politische Bildungsprozesse bieten.
Über Neutralität, die nicht nur in der politischen Bildung, sondern auch im Sport breit thematisiert wird, wurde ausgiebig debattiert. Ein Sportverein ist in der Regel kommunalpolitisch eingebunden, funktioniert im besten Fall nach demokratischen (Vereins-)Regeln und kann als vorpolitischer Raum betrachtet werden, in dem politische Themen diskutiert werden. Zwischen dem Anspruch einer Wertehaltung, (partei-)politischer Neutralität von Akteur_innen und der Gefahr einer politischen Instrumentalisierung des Sports existiert ein deutliches Spannungsfeld.
Als weitere zentrale Frage wurde verhandelt, wie politische Bildung und Sport zusammenkommen können. Dabei wurde herausgehoben, dass ein rein problemorientiertes Vorgehen (technokratisches Verständnis politischer Bildung als externer „Feuerwehr“ bei Problemen) nur begrenzt erfolgversprechend ist. Echte, lebensweltliche Themen und Konflikte von Teilnehmenden (beispielsweise in Vereinen) sollten offensiv aufgenommen und bearbeitet werden; künstlich „politisches“ Interesse zu erwecken, wurde als unnötig gewertet.

Ausblick

Die Expert_innen resümierten, dass eine Veranstaltung wie das Fachforum notwendig und gewinnbringend ist, um sich intensiv und nachhaltig mit der Schnittstelle von politischer Bildung und Sport auseinanderzusetzen. Perspektivisch sahen sie weiteren Bedarf, sich über Kooperationen und Zusammenarbeit von Akteur_innen aus Sport, politischer Bildung und Wissenschaft zu verständigen, um politische Bildung und Demokratiebildung im Sport zu professionalisieren und zu stärken.
Das Fachforum setzte eine Veranstaltungsreihe fort, in der die Fachstelle politische Bildung Expert_innen aus Wissenschaft und Praxis der politischen Bildung einlädt, um zu ausgewählten Themen über die Vielfalt der politischen Bildungslandschaft zu beraten und zu sondieren, wie Akteur_innen aus unterschiedlichen wissenschaftlichen und praktischen Kontexten in einen Austausch – und perspektivisch in eine fruchtbare Zusammenarbeit – kommen können. Die Ergebnisse des Fachforums werden in einem Papier festgehalten, das in die Fachdiskurse der politischen Bildung und des Sports eingebracht werden soll.

*DOSB (2019): Bestanderhebung 2019. cdn.dosb.de/user_upload/www.dosb.de/medien/BE/BE-Heft_2019.pdf (abgerufen am 29.04.2020)
**ebd.

Foto: v.l.n.r. Annabell Brosi (Fachstelle politische Bildung), Julia Schreier (Fachstelle politische Bildung), Marita Klink (Fachstelle politische Bildung), Céline Wendelgaß (Bildungsstätte Anne Frank), Nico Mikulic (Sportjugend Hessen / Projekt „DemoS!“), Chantal Filipiak (Fachstelle politische Bildung), Michael Gabriel (Koordinationsstelle Fanprojekte dsj), David Heemann (Fachstelle politische Bildung), Prof. Dr. Albert Scherr (Pädagogische Hochschule Freiburg), Martin Wonik (Sportjugend NRW), Dr.in Helle Becker (Fachstelle politische Bildung), Prof. Dr. Ahmet Derecik (Universität Osnabrück), Martin Schönwandt (dsj), David Jugel (Zentrum für inklusive politische Bildung), Fabian Fritz (HAW Hamburg),  Prof. Dr. Nils Neuber (Universität Münster), Nina C. Reip (Netzwerk Sport & Politik),  Birger Schmidt (Lernort Stadion), Susanne Springborn (Sportjugend Brandburg / Projekt „Beraten, Bewegen – DRANBLEIBEN“).



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