„Wir brauchen in der digitalen und globalisierten Welt eine Renaissance der Curriculumforschung und eine Verständigung über ein Kerncurriculum.“ Fünf Fragen an Tilman Grammes

Tilman Grammes ist Professor für die Didaktik sozialwissenschaftlicher Fächer an der Universität Hamburg. Im Interview mit der Fachstelle spricht er über sein aktuelles Forschungsprojekt zur Curriculumentwicklung für den Orientierungsrahmen Globale Entwicklung / Bildung für nachhaltige Entwicklung für die Sekundarstufe I in Hamburg und sein Konzept der kommunikativen Fachdidaktik.


Prof. Tilman Grammes (Foto: privat)

Prof. Tilman Grammes (Foto: privat)

Tilman Grammes ist Professor für die Didaktik sozialwissenschaftlicher Fächer an der Universität Hamburg. Im Interview mit der Fachstelle spricht er über sein aktuelles Forschungsprojekt zur Curriculumentwicklung für den Orientierungsrahmen Globale Entwicklung / Bildung für nachhaltige Entwicklung für die Sekundarstufe I in Hamburg und sein Konzept der kommunikativen Fachdidaktik.

1. Was ist Ihr aktuelles Forschungsprojekt im Bereich politischer Bildung?

Im Hamburger Arbeitsbereich Didaktik sozialwissenschaftlicher Fächer geht es in einem aktuellen Forschungsprojekt um konzeptionelle Curriculumentwicklung: Für die dritte Auflage des Orientierungsrahmens Globale Entwicklung / Bildung für nachhaltige Entwicklung stellen wir in einem bundesweiten Team eine altersgerechte Didaktik und Methodik für den Fachunterricht Politik in der Sekundarstufe I aus vorhandenen Ansätzen und der Empirie zusammen, in enger Zusammenarbeit mit Schulen und zivilgesellschaftlichen Organisationen. Die Themen Globalität und Nachhaltigkeit sind in den Medien zwar allgegenwärtig, aber gerade Politiklehrer*innen scheinen Themen wie internationale Beziehungen und Konflikte gern in die (gymnasiale) Oberstufe hinauszuschieben.

Schon etwas länger fördern wir mit dem Projekt ethos+ eine inhaltsbezogene Curriculumentwicklung für den Bereich Wirtschafts- und Sozialethik im Lernfeldunterricht beruflicher Schulen, die nur im kollegialen Netzwerk und in enger Kooperation mit Lehrer*innen vor Ort möglich ist.

2. Welche Ihrer Forschungsergebnisse halten Sie für besonders relevant für die Praxis politischer Bildung?

Mit meinem Konzept der Kommunikativen Fachdidaktik (KFD) versuche ich, eine Tradition des fachdidaktischen Denkens freizulegen, die das Wechselspiel von Inhalt und Methode im politischen Lernen in den Blick nimmt. Didaktik verleitet dazu, einem vordergründigen Originalitätszwang hinterherzulaufen – don’t worship originality, setzen die japanischen Pädagog*innen als Rat dagegen. Im Zentrum der KFD steht ein Modell der Wissensformen, eine Suchmaske zur Auswahl von Themen und zur Gestaltung von authentischen, „natürlichen“ Lernumgebungen. Lehrer*innen aller Ausbildungsphasen melden mir immer wieder zurück, dass das Modell hilft, eigene Inhaltsentscheidungen zu begründen und zu schärfen. Mein fachdidaktisches Konzept wird anschaulich an unterschiedlichen Fallbeispielen in dem Werkbuch Einführung in fachdidaktisches Denken (2012) entfaltet, das Open Access zugänglich ist. Das Modell der Wissensformen ist über das Register leicht auffindbar.

3. Welche Themen im Kontext politischer Bildung sollten Ihrer Meinung nach beforscht werden?

Nach einer sehr inspirierenden und internationalen 3. Summer School Lehrkunstdidaktik (www.lehrkunst.ch) am Walddörfer Gymnasium in Hamburg steht jetzt der nächste Entwicklungsschritt an. In Kooperation mit dem Landesinstitut für Schulentwicklung suchen wir Schulen, die in einem lokalen Netzwerk über einen längeren Zeitraum an Lehrstücken zu Sternstunden der menschheitsgeschichtlichen Entwicklung in Gesellschaft, Wirtschaft, Recht und Politik arbeiten möchten. Im Mittelpunkt der Lehrstücke steht das Staunen über die Funktionsmechanismen von Gesellschaft und Demokratie. Eine Ideensammlung für ein solches Kerncurriculum gibt es bereits hier. Diese experimentelle Curriculumentwicklung wird als Praxisforschung in kollegialen Lehrkunstwerkstätten als reguläres Format der Lehrer*innenweiterbildung stattfinden.

4. Welchen Gewinn für die politische Bildung kann ein Dialog von Wissenschaft und Praxis bringen sowie ein Austausch sowohl zwischen den Wissenschaftsdisziplinen als auch innerhalb dieser?

Wir setzen im Hamburger Arbeitsbereich Didaktik der Sozialwissenschaften vor allem zwei qualitative Forschungsmethoden ein, die einen intensiven Dialog von Wissenschaft und Praxis auslösen können:
Mit Expert*inneninterviews gelingt es in Studienabschlussarbeiten (Masterarbeiten) immer wieder, die Weisheit guter Praxis einzufangen, sei es zum Umgang von Politiklehrer*innen mit Fridays for Future oder mit Meldeportalen der AfD.

Mit dem journalistischen Format der Unterrichtsreportage verwenden wir eine Dokumentationsform, die zwischen ausführlichen Unterrichtsprotokollen und nüchternen Daten der empirischen Bildungsforschung liegt. Solche Reportagen können unmittelbar ein Kino im Kopf erzeugen, als ob man selbst dabei gewesen wäre. Einen Sammelband mit Unterrichtsreportagen oder auch einen Dokumentarfilm über die bundesweit spannendsten sozialwissenschaftlichen Unterrichtsprojekte würde ich sehr gern lesen oder mir anschauen! Für das Fach Mathematik gibt es bereits ein instruktives Beispiel zum Thema Beweisen in der 9. Klasse. Wer dreht einen solchen Film für die politische Bildung und organisiert das erforderliche Geld dazu? Wer schreibt einmal inspirierende Porträts guter Politiklehrer*innen?

5. Die Fachstelle politische Bildung hat eine Landkarte der Forschung zur politischen Bildung entwickelt, um Austausch und feldübergreifende Zusammenarbeit zu fördern: zwischen und innerhalb der Wissenschaftsdisziplinen, aber auch zwischen Wissenschaft und Praxis. Sie sind dort mit einem Eintrag vertreten. Über welche Kontaktaufnahmen oder Anfragen anderer Wissenschaftler*innen, Praktiker*innen oder sonstiger Interessierter würden Sie sich freuen?

Ich freue mich besonders über Kontaktaufnahmen aus anderen Ländern: Wie wird politische Bildung als Element von Schulkultur im weltweiten Vergleich inszeniert, so dass demokratische Bildungslandschaften entstehen? Im Journal of Social Science Education besteht seit zwei Jahrzehnten ein internationales Netzwerk, das ein Forum für einen entsprechenden Austausch hierzu bietet. Die Ausgabe 2019-1 widmete sich dem Thema National holidays and other socio-political rituals in schools, mit Beiträgen u.a. aus Polen, der Türkei und den USA. Die Ausgabe 2020-1 enthält Länderberichte u.a. aus Russland, Ungarn, Dänemark, Frankreich und Spanien. Diese Länderberichte ermöglicht es interessierten Pädagog*innen, Kontakte in diese Länder hinein zu knüpfen. Zu den geplanten Themen der aktuellen Call for papers geht es hier.

 

Veröffentlicht am 14.01.2020

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