„Politische Bildung in der Schule ist ein recht elitäres Angebot“ Fünf Fragen an Sabine Achour

Sabine Achour ist Professorin am Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaft an der FU Berlin mit den Arbeitsschwerpunkten Politikdidaktik und politische Bildung. Sie ist im Beirat der Fachstelle politische Bildung. Im Kurzinterview berichtet sie von ihrer Forschung zu politischer Bildung in der Lehrkräfteausbildung, zu ungleichem Zugang zu politischer Bildung in der Schule und vom Mehrwert interdisziplinären wissenschaftlichen Austauschs.


Prof.in Sabine Achour (Foto: privat)

Prof.in Sabine Achour (Foto: privat)

Sabine Achour ist Professorin am Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaft an der FU Berlin mit den Arbeitsschwerpunkten Politikdidaktik und politische Bildung. Sie ist im Beirat der Fachstelle politische Bildung. Im Kurzinterview berichtet sie von ihrer Forschung zu politischer Bildung in der Lehrkräfteausbildung, zu ungleichem Zugang zu politischer Bildung in der Schule und vom Mehrwert interdisziplinären wissenschaftlichen Austauschs.

1. Was ist Ihr aktuelles und was war Ihr letztes Forschungsprojekt zur politischen Bildung?

Im Rahmen der „Qualitätsoffensive Lehrerbildung“ von Bund und Ländern, die aus Mitteln des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) gefördert wird, konnten wir gemeinsam mit weiteren Didaktiker_innen ein Videoportal entwickeln. Anhand von Unterrichtsvignetten entlang des Konzeptes der „Professional Vision“ können damit Handlungskompetenzen von angehenden Lehrkräften gefördert werden. In der zweiten Förderphase erproben wir mit Referendar_innen  und Studierenden Videozirkel zur Analyse von Lehr-/Lernprozessen. Gefördert von der Friedrich-Ebert-Stiftung haben wir außerdem die bundesweite Studie „Wer hat, dem wird gegeben?!“ zur Relevanz politischer Bildung an Schulen durchgeführt.

Um Konzepte und Implementierungschancen zur Stärkung der politischen Bildung und zur Demokratiebildung als Querschnittsaufgabe in der ersten Phase der Lehrkräftebildung zu entwickeln, führen wir zusammen mit Kolleg_innen an der Freien Universität und und der Humboldt-Universität in Berlin das Projekt „Demos Leben. Demokratiebildung in der Lehrer*innenbildung“  durch.

2. Welche Ihrer Forschungsergebnisse halten Sie für besonders relevant für die Praxis politischer Bildung?

Auch wenn wir prinzipiell vom ungleichen Zugang zur politischen Bildung wissen, hat die Studie „Wer hat, dem wird gegeben?!“ die politische Ungleichheit entlang der sozialen Ungleichheit (wie sie beispielsweise von Arnim Schäfer thematisiert wird) deutlich unterstrichen. Die Institution Schule, die, prinzipiell unabhängig vom sozialen Hintergrund, allen die gleichen Zugangsmöglichkeiten bieten soll, „versagt“ auch bei der politischen Bildung. Schüler_innen des Gymnasiums, deren sozialer und kultureller Hintergrund häufig höher ist, haben im Schnitt umfangreicheren und „besseren“ Politikunterricht sowie mehr Angebote zu Formaten der Demokratiebildung als andere Schüler_innen. Zugleich ist ihr Interesse an Politik, ihr Vertrauen in Demokratie, ihre Partizipationsbereitschaft höher. Außerdem sind ihre Einstellungen zu demokratischen Grundwerten und gegenüber sozialen Gruppen, wie Menschen jüdischen oder muslimischen Glaubens, aber auch Menschen mit Migrationsbezügen und Asylsuchenden, positiver. Politische Bildung in der Schule ist somit ein recht elitäres Angebot und erreicht nicht in gleicher Weise diejenigen, die bereits sozial benachteiligt sind.


3. Welche Themen im Kontext politischer Bildung sollten Ihrer Meinung nach beforscht werden?

Politische Bildung sollte für alle  zugänglich sein. Zum einen stehen hier Fragen von Sprache und Politik im Zentrum, offline und online. Zum anderen sind auch für die Schule kreative und realitätsnahe Zugänge zu Politik und politischer Bildung forschungsrelevant: Wie kann auch in der Schule Teilhabe und Partizipation umgesetzt werden? Wie können wir politische Bildung möglicherweise über kreative Zugänge wie Theater, Musik, Kunst, Comedy etc. zugänglich machen?

4. Welchen Gewinn für die politische Bildung kann ein Dialog von Wissenschaft und Praxis bringen sowie ein Austausch sowohl zwischen den Wissenschaftsdisziplinen als auch innerhalb dieser?

Ein Gewinn liegt vor allem in der gegenseitigen „Inspiration“ für und der gemeinsamen Reflexion von politischen Bildungsprozessen. Ein Austausch mit verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen zeigt häufig, dass wir von gleichen Dingen sprechen, aber Unterschiedliches meinen oder umgekehrt. Was allein beispielsweise unter Konstrukten wie „Medien“, „Kommunikation“ und „Sozialisation“ verstanden wird, ist schon kontrovers. Ein solcher Austausch ist wissenschaftlich äußerst konstruktiv. In diesem Sinne konzipieren wir im Rahmen des Exzellenzverbundes der Berliner Universitäten (Berlin University Alliance) einen Forschungsantrag zum Themenfeld „Social Cohesion“. Neben der Politikdidaktik sind Publizistik und Kommunikationswissenschaft, Altphilologie und Grundschulpädagogik beteiligt.

5. Die Fachstelle politische Bildung hat eine Landkarte der Forschung zur politischen Bildung entwickelt, um Austausch und feldübergreifende Zusammenarbeit zu fördern: zwischen und innerhalb der Wissenschaftsdisziplinen, aber auch zwischen Wissenschaft und Praxis. Sie sind dort mit einem Eintrag vertreten. Über welche Kontaktaufnahmen oder Anfragen anderer Wissenschaftler_innen, Praktiker_innen oder sonstiger Interessierter würden Sie sich freuen?


Ich freue mich über einen Austausch zu Fragen von barrierefreier politischer Bildung, Abbau von Ideologien der Ungleichwertigkeit und interdisziplinären Ideen.

Veröffentlicht am 16.12.2019

Zum Weiterlesen

  • Sie finden Sabine Achour in der Landkarte der Forschung zur politischen Bildung.
  • Datenbankeintrag: Hajji, Rahim/Achour, Sabine (2015): Wie stark identifizieren sich muslimische Jugendliche mit Deutschland? Empirische Analysen und Handlungsansätze für die politische Bildung. In: Politikum, 3/2015, Schwalbach/Ts., S. 82-86. mehr lesen


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