„Staatsbürgerliche Orientierungen spielen beim Thema politische Partizipation eine große Rolle. “ Fünf Fragen an Markus Steinbrecher

Dr. rer. pol. Markus Steinbrecher ist Wissenschaftlicher Oberrat im Forschungsbereich Militärsoziologie am Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr. Wir haben ihm fünf Fragen zu seinen Forschungsschwerpunkten und dem Dialog zwischen Wissenschaft und Praxis gestellt.


Dr. rer. pol. Markus Steinbrecher (Foto:privat)

Dr. rer. pol. Markus Steinbrecher (Foto:privat)

Dr. rer. pol. Markus Steinbrecher ist Wissenschaftlicher Oberrat im Forschungsbereich Militärsoziologie am Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr. Wir haben ihm fünf Fragen zu seinen Forschungsschwerpunkten und dem Dialog zwischen Wissenschaft und Praxis gestellt.


1.  Was ist Ihr aktuelles Forschungsprojekt? Was war Ihr letztes Forschungsprojekt?

Im Rahmen meiner Tätigkeit bin ich im Auftrag des Verteidigungsministeriums für die jährliche Bevölkerungsbefragung zum sicherheits- und verteidigungspolitischen Meinungsbild in Deutschland verantwortlich. Mit den Daten der Studien aus diesem und den vorangehenden Jahren arbeite ich zur Zeit zum Beispiel an Aufsätzen für Fachzeitschriften und Sammelbände zu den Einstellungen der Menschen in Deutschland zum möglichen Einsatz der Bundeswehr im Inneren, zu Einstellungen zu den Auslandseinsätzen der Bundeswehr oder zur Bedeutung von Persönlichkeitseigenschaften für außen- und sicherheitspolitische Einstellungen.

 

2. Welche Vorteile kann ein Dialog zwischen Wissenschaft und Praxis für die politische Bildung bringen?

Ich habe den Eindruck, dass Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen häufig in ihrer eigenen Welt, dem sprichwörtlichen Elfenbeinturm leben, und es an Kontakt mit der Realität fehlt. Durch den Dialog mit der Praxis werden sie gezwungen, stärker über die Verwertbarkeit, Verständlichkeit und Bedeutung der Ergebnisse ihrer Forschung nachzudenken. Insofern kann die politische Bildung von mehr Dialog zwischen Wissenschaft und Praxis nur profitieren.

 

3. Welche Ihrer Forschungsergebnisse halten Sie für besonders relevant für die Praxis politischer Bildung? 

Vor meiner Tätigkeit für die Bundeswehr habe ich viel zu politischer Beteiligung und Wahlverhalten geforscht. Die Ergebnisse zeigen die große Bedeutung der sogenannten staatsbürgerlichen Orientierungen wie Wahlnorm (die Norm, dass es sich für einen „guten“ Staatsbürger oder eine „gute“ Staatsbürgerin gehört, an Wahlen teilzunehmen) oder politisches Interesse, die im Rahmen politischer Bildung vermittelt werden können.

 

4. Welches sind Ihrer Meinung nach die wichtigsten Gründe für politische Partizipation bzw. Nicht-Partizipation in Bezug auf Wahlen?

Hier spielen vor allem die staatsbürgerlichen Orientierungen eine große Rolle: Menschen, die die Wahlnorm bejahen, die politisch interessierter sind und die sich mit einer Partei verbunden fühlen, gehen auch eher zur Wahl. Aktiver sind zudem diejenigen, die mit der Demokratie und den politischen Institutionen zufrieden sind, die denken, dass sie die Fähigkeiten dafür haben, politischen Einfluss zu nehmen und die stärker wahrnehmen, dass Politiker und Politikerinnen, Parteien und Verwaltungen auf die Interessen und Wünsche der Bürgerinnen und Bürger eingehen. Das sind ein paar Beispiele, eine Vielzahl weiterer Faktoren hat Einfluss auf politische Partizipation.

 

5. Zu welchen Themen sehen Sie Forschungsbedarf im Kontext politischer Bildung?

Forschungsbedarf besteht beispielsweise zur Wirkung und Effektivität politischer Bildung hinsichtlich der Verankerung dieser Orientierungen, wie Wahlnorm oder politisches Interesse, bei den Bürgerinnen und Bürgern. In Anbetracht der vielen geflüchteten Menschen, die in den letzten zwölf Monaten nach Deutschland gekommen sind, denke ich außerdem, dass sich hier ein großes neues Aufgabenfeld für die politische Bildung bietet und dass Konzepte notwendig wären, wie man den zu uns gekommenen Menschen demokratische Werte und Normen näherbringt. Wenn man es mit Integration ernst meint, muss dieses Thema von der politischen Bildung unbedingt angegangen werden.
 
September 2016

 

Zum Weiterlesen

Steinbrecher, Markus (o. J.): Powerpointpräsentation „Der gesamtdeutsche Wähler“ [ PDF | 990 KB ]

Steinbrecher, Markus et. al. (2015): Persönlichkeit, politische Involvierung und politische Partizipation in Deutschland und Österreich. In: Faas, Thorsten et al. (Hrsg.) Politische Psychologie, Sonderheft der Politischen Vierteljahresschrift 50. Baden-Baden, S. 65-90. mehr lesen

Steinbrecher, Markus (2014): Are Alienation and Indifference the New Features of Elections? In: Weßels, Bernhard et. al (Hrsg.) (2014): Voters on the Move or on the Run? Information Processing and Vote Choice in a Complex World, Oxford, S. 263-286. mehr lesen

Steinbrecher, Markus/Schoen, Harald (2013): Beyond total effects: Exploring the interplay of personality and attitudes in affecting turnout in the 2009 German federal election. In: Political Psychology 34, S. 533-552. mehr lesen

Steinbrecher, Markus (2013): Wirtschaftliche Entwicklung und Eurokrise. In: Schmitt-Beck, Rüdiger et al. (2013): Zwischen Fragmentierung und Konzentration: Die Bundestagswahl 2013, Baden-Baden, S.225-238. mehr lesen

Steinbrecher, Markus (2009): Politische Partizipation in Deutschland, Baden-Baden. (343 S.) (Kurzeintrag in unserer Datenbank) mehr lesen

Steinbrecher, Markus (2009): Die Wahlbeteiligung. In: Rattinger, Hans et. al. (2009): Zwischen Langeweile und Extremen: Die Bundestagswahl 2009, Baden-Baden, S. 77-90. mehr lesen

Rudi, Tatjana/Steinbrecher, Markus (2009): Die Wechselwähler. In: Rattinger, Hans et. al. (2009): Zwischen Langeweile und Extremen: Die Bundestagswahl 2009, Baden-Baden, S. 91-102. mehr lesen



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