„Netzwerke erleichtern den Zugang zu 'bildungsfernen' Zielgruppen“. Interview mit Helmut Bremer

Helmut Bremer ist Professor für politische Erwachsenenbildung an der Universität Duisburg-Essen. In den Jahren 2009 bis 2014 war er für die wissenschaftliche Begleitung dreier Projekte zur Weiterbildung und Weiterbildungsberatung 'bildungsferner' Zielgruppen verantwortlich. Im Gespräch mit der Transferstelle politische Bildung erläutert er die zentralen Erkenntnisse der Untersuchung, berichtet von der Funktion sogenannter "Brückenmenschen" und den Chancen, die die Erforschung der Bildungspraxis bietet.


Prof. Dr. Helmut Bremer (Foto: privat)

Prof. Dr. Helmut Bremer (Foto: privat)

Helmut Bremer ist Professor für politische Erwachsenenbildung an der Universität Duisburg-Essen. In den Jahren 2009 bis 2014 war er für die wissenschaftliche Begleitung dreier Projekte zur Weiterbildung und Weiterbildungsberatung 'bildungsferner' Zielgruppen verantwortlich (siehe Infokasten). Die Ergebnisse der Begleitung hat er nun gemeinsam mit Mark Kleemann-Göhring und Farina Wagner in dem Buch "Weiterbildung und Weiterbildungsberatung für 'Bildungsferne'. Ergebnisse, Erfahrungen und theoretische Einordnungen aus der wissenschaftlichen Begleitung von Praxisprojekten in NRW" veröffentlicht. Im Gespräch mit der Transferstelle politische Bildung erläutert er zentrale Befunde. Helmut Bremer ist Mitglied im Expert_innenrat der Transferstelle politische Bildung.

Transferstelle politische Bildung: Sie haben sich in Ihrer Untersuchung mit Weiterbildungsangeboten für "Bildungsferne" beschäftigt. Können Sie zum Einstieg für uns definieren: Wer oder was ist "bildungsfern"?

Helmut Bremer: 'Bildungsfern' wird im Gegensatz zu 'bildungsbenachteiligt' selten definiert. Alltagssprachlich – und nach meinem Eindruck auch in der wissenschaftlichen Literatur – wird "bildungsfern" häufig verwendet zur Beschreibung von Menschen, die vermeintlich der Bildung ferner stehen als ihre Mitmenschen, sich sozusagen subjektiv davon distanzieren. Das bekommt leicht einen stigmatisierenden Charakter und erklärt Bildungsferne als ein Problem, das von den Lernenden zu lösen ist. Es wäre jedoch fatal, die Verantwortung dafür nur bei den Subjekten abzuladen. Ebenso müssen die Bildungsinstitutionen mit in den Blick genommen werden. Denn auch die stehen bestimmten Menschen fern, haben wenig Affinität zu deren Motivlagen, Beratungsbedarfen, Interessen und Alltagsthemen. Wir nennen das die "doppelte Verankerung" von Bildungsferne – in den Personen und auch in den Institutionen. Und damit wird auch deutlich, dass der Begriff der Bildungsferne, so wie ich ihn verwende, letztlich die Nähe oder Ferne zu Bildungsinstitutionen meint.

TpB: Was war denn das Besondere an den drei Projekten, die sie beobachtet haben, und wie wurde dort eine Nähe zur jeweiligen Zielgruppe hergestellt?

HB: Die drei Projekte wurden durch eine Initiative des Landes Nordrhein-Westfalen angestoßen. Weiterbildungseinrichtungen sollten neue Wege zur Ansprache von bisher benachteiligten oder wenig erreichten Zielgruppen erproben. In der Projektvorbereitung spielte daher die Alltagsnähe der Bildungsangebote eine entscheidende Rolle. Um die Distanz zwischen Bildungsinstitution und Zielgruppe zu überbrücken, kamen schließlich Konzepte "aufsuchender Bildungsarbeit" ins Spiel, die Arbeit mit sogenannten Vertrauens- oder Brückenmenschen, also Schlüsselpersonen. Das Besondere ist zum einen, dass solche Konzepte tatsächlich schrittweise umgesetzt wurden, zum anderen vielleicht, dass die beteiligten Einrichtungen dabei neue Vernetzungsstrukturen aufgebaut haben, die über die üblichen regionalen Bildungslandschaften hinausreichen – und Menschen oder Institutionen einbinden, die eine Affinität, Erfahrung oder Nähe zu den jeweiligen Zielgruppen haben.

TpB: Wie sieht die Arbeit mit Brückenmenschen in der Praxis aus? Haben Sie ein Beispiel für uns?

HB: Eine Einrichtung im Raum Aachen, die wir begleitet haben, hatte Akteure aus der Region zu einem Workshop eingeladen. Es kamen Leute aus den unterschiedlichsten Kontexten: Menschen, die die "Tafeln" organisieren, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Jobcenter oder von Kitas. Die meisten kannten sich untereinander nicht und wussten wenig über Weiterbildung. Gemeinsam wurde dann ausgelotet, zu welchen Gruppen die einzelnen Akteure eine Nähe haben, wer zu bestimmten Gruppen über professionelle oder ehrenamtliche Arbeit Kontakt hat. Im Laufe des Tages arbeiteten die Teilnehmenden des Workshops heraus, für welche Gruppe sie als Brückenmenschen fungieren können und um welche Bildungsinteressen es gehen könnte. In Einzelgesprächen mit den Akteuren wurde dann eine konkrete Strategie für den weiteren Verlauf überlegt, um direkt mit Lernenden oder potentiellen Lernenden in Kontakt zu kommen. Aus dieser Veranstaltung heraus sind auch konkrete Bildungsangebote entstanden. Es war ein Prozess und der Workshop war der Auftakt dafür.

TpB: Die Netzwerkstrukturen ließen sich also verstetigen? Was war dafür nötig?

HB: Die Netzwerke müssen natürlich gepflegt werden. Mit diesen Vertrauens- oder Schlüsselpersonen, die in der Lebenswelt der Zielgruppe verankert sind oder über ihre Profession in Kontakt mit ihr stehen, muss man dauerhaft in Kontakt bleiben. Das braucht Zeit und Personalressourcen, sonst passiert quasi nichts mehr. Wenn solche Modellprojekte zu Ende gehen, dann sind diese privilegierten Bedingungen in der Regel nicht mehr da, dann hat auch das Personal der Träger keine Ressourcen mehr für diese Netzwerkarbeit. Dabei ist es für die Arbeit mit Schlüsselpersonen entscheidend, dass Weiterbildungseinrichtungen nicht nur einen einmaligen Impuls geben, sondern dass solche Vernetzungen routinisiert und aufrechterhalten werden.

TpB: Vor welchen Herausforderungen steht denn speziell die politische Bildung bei der Erreichung 'bildungsferner' Zielgruppen? Gibt es dazu Befunde in Ihrer Untersuchung?

HB: Gerade bildungsbenachteiligte Menschen aus bestimmten Milieus, die wenig an Bildung oder Weiterbildung teilnehmen, distanzieren sich häufig von Politik im engeren Sinne oder wollen wenig davon wissen – genauso wenig wie von politischer Bildung. In der Erwachsenenbildung und auch in der politischen Bildung wird nun oft, implizit oder explizit, von den Lernenden gefordert, sich zu engagieren und sich in den Prozess einzubringen. Das politische System und dessen Institutionen sind jedoch häufig nicht sehr zugänglich, gerade 'Bildungs- und Politikferne' haben es nicht leicht, daran zu partizipieren, weil sie die "Spielregeln" nicht richtig beherrschen oder sich das nicht zutrauen. Das Feld politischer Bildung für diese Gruppen zu öffnen, ohne die Erwartung zu haben, dass sie sich zu Politik im engeren Sinne positionieren, ist eine große Herausforderung für viele Institutionen. Denn die politische Bildung muss hier mit einem weiten Politikbegriff arbeiten und dort ansetzen, wo die Menschen anfangen, ihre Interessen zu artikulieren, gesellschaftliche Problemlagen zu benennen oder persönliche Erfahrungen von Diskriminierung oder Benachteiligung zur Sprache bringen. Politisch relevante Themen haben alle im Kopf, oft aber ohne dass sie das selbst als politische Meinungsäußerung verstehen. Eine Studie des Sinus-Instituts aus dem Jahr 2012 zum Politikinteresse bildungsferner Jugendlicher hat hierfür den programmatischen Begriff des "unsichtbaren Politikprogramms" geprägt. Diesen Blick auf politische Bildung mussten einige der Träger in den von uns beobachteten Projekten erst entwickeln.

TpB: Wo sehen Sie vor dem Hintergrund ihrer Erfahrungen die Chancen und Möglichkeiten von Praxisforschung?

HB: Im Idealfall kommt hier ein fruchtbarer Austausch zwischen Wissenschaft und Praxis zustande. Und Praxisforschung, so wie wir sie betrieben haben, bietet die Möglichkeit, Konzepte aus dem sprichwörtlichen Elfenbeinturm in die Praxis zu übertragen und zu erproben. Eine zentrale Beobachtung war jedoch, dass auch die Einrichtungen aufgrund des Austausches neue Wege gegangen sind. Sie haben dabei ungewohnte Erfahrungen gemacht, für die sie einen Reflexionsraum brauchten. In unserer wissenschaftlichen Begleitung ist daraus ein gemeinsamer Prozess entstanden, in dem wir eng mit den Einrichtungen kooperiert haben und eine Art Reflexionsfolie für die Praxis waren. Für eine solche Begleitung bedarf es natürlich einer gewissen Vertrauensbeziehung. Wenn die wissenschaftliche Begleitung jedoch in erster Linie der Überprüfung oder Kontrolle dient, wie häufig von Auftrag- oder Fördermittelgebern gewünscht, dann unterminiert dies dieses Vertrauen. Dieses Problem hatten wir in der Projektbegleitung glücklicherweise nicht, dennoch gab es auf den einen oder anderen unserer Vorschläge auch abwehrende Reaktionen. Meist ging es dabei jedoch um ganz pragmatische Dinge, wie etwa die bestehenden Förderstrukturen, die bestimmte Vorgehensweisen erschweren. Das sind Probleme, die wir vorab nicht berücksichtigt hatten, die aber für die Praktikerinnen und Praktiker in den Einrichtungen fundamental sind. Die größte Chance der Praxisforschung liegt jedoch meines Erachtens in der Möglichkeit des gemeinsamen Reflektierens dessen, was man tut. Davon profitieren letztlich beide Seiten – Wissenschaft und Praxis.

Über das Projekt

Wissenschaftliche Begleitung folgender Projekte:

  • „Das Projekt »Potenziale der Weiterbildung durch den Zugang zu sozialen Gruppen entwickeln« (kurz: »Potenziale I«; Laufzeit: 01.01.2009 bis 31.12.2009) zielte darauf, neue, bisher nicht oder kaum erreichte Menschen für Weiterbildung zu gewinnen.
    Projektbeschreibung und Abschlussbericht
  • Im Projekt »Bildungsferne – ferne Bildung: Transferprojekt neue Potenziale für die Weiterbildung» (kurz: »Potenziale II«; Laufzeit: 15.05.2010 bis 31.12.2010) ging es vornehmlich darum die Ergebnisse aus »Potenziale I« in die Breite zu tragen.
    Abschlussbericht
    [ PDF | 295 KB ]
  • Zentrales Anliegen des Projekts »Weiterbildungsberatung im sozialräumlichen Umfeld« (kurz: »WisU«; Laufzeit: 01.10.2012 bis 28.02.2014) war es, Möglichkeiten von Bildungsberatung für 'bildungsferne' Zielgruppen auszuloten und entsprechende Konzepte zu entwickeln. Projektbeschreibung Abschlussbericht, Workshop- und Abschlusstagungssbericht (LAAW)

Alle Projekte wurden vom Ministerium für Schule und Weiterbildung des Landes NRW gefördert.“

(Auszug aus: Bremer, Helmut/Kleemann-Göhring Mark/Wagner, Farina (2015): Weiterbildung und Weiterbildungsberatung für „Bildungsferne“. Ergebnisse, Erfahrungen und theoretische Einordnungen aus der wissenschaftlichen Begleitung von Praxisprojekten in NRW, Bielefeld, S. 9.)

 

Projektträger: Landesverband der Volkshochschulen von Nordrhein-Westfalen e.V. , Landesarbeitsgemeinschaft für katholische Erwachsenen- und Familienbildung e.V., Landesorganisation für evangelische Erwachsenenbildung in Nordrhein-Westfalen, Landesarbeitsgemeinschaft für eine andere Weiterbildung (LAAW) NRW e.V.

 

Projektstandorte: Volkshochschule im Kreis Herford, AKE-Bildungswerk e.V. in Vlotho, Evangelisches Erwachsenenbildungswerk und evangelische Familienbildungsstätte, Zentrum für Familien in Aachen, Nell-Breuning-Haus in Herzogenrath

 

Veröffentlicht: August 2015

 

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  • Datenbankeintrag: Bremer, Helmut/Kleemann-Göhring Mark/Wagner, Farina (2015): Weiterbildung und Weiterbildungsberatung für "Bildungsferne". Ergebnisse, Erfahrungen und theoretische Einordnungen aus der wissenschaftlichen Begleitung von Praxisprojekten in NRW, Bielefeld (174 S.). mehr lesen


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