„Unabhängig von der Frage, ob es einen besonderen Bedarf an politischer Bildung im Strafvollzug gibt, müssen wir auch eine grundständige politische Bildung sicherstellen.“ Interview mit Roman Guski

Roman Guski ist Projektleiter im Arbeitsbereich Wanderausstellungen des Anne Frank Zentrums. Für eine Studie zu Angeboten politischer Bildung im (Jugend-)Strafvollzug kooperiert das Anne Frank Zentrum aktuell mit der Hochschule Merseburg. Das Anne Frank Zentrum führt auch in Justizvollzugsanstalten Ausstellungsprojekte durch, entwickelt die pädagogische Arbeit im Strafvollzug weiter und unterstützt den Fachaustausch. Roman Guski berichtet von den Erfahrungen aus der Praxis und welche Erkenntnisse er sich von der Zusammenarbeit mit der Wissenschaft verspricht.


Roman Guski (Foto: privat)

Roman Guski (Foto: privat)

Roman Guski ist Projektleiter im Arbeitsbereich Wanderausstellungen des Anne Frank Zentrums. Für eine Studie zu Angeboten politischer Bildung im (Jugend-)Strafvollzug kooperiert das Anne Frank Zentrum aktuell mit der Hochschule Merseburg. Das Anne Frank Zentrum führt auch in Justizvollzugsanstalten Ausstellungsprojekte durch, entwickelt die pädagogische Arbeit im Strafvollzug weiter und unterstützt den Fachaustausch. Roman Guski berichtet von den Erfahrungen aus der Praxis und welche Erkenntnisse er sich von der Zusammenarbeit mit der Wissenschaft verspricht.

 

Fachstelle politische Bildung: Die Wanderausstellung des Anne Frank Zentrums ist eines der wenigen Projekte in Deutschland, das sich explizit auch an Strafgefangene richtet. Es scheint, als sei politische Bildung im Strafvollzug ein eher vernachlässigtes Thema. Ist dieser Eindruck richtig?

Roman Guski: Die Mehrzahl an Angeboten der außerschulischen politischen Bildung erreicht Menschen in Haft überhaupt nicht. Bereits ab 2004 hat das Anne Frank Zentrum daher die ersten Projekte in Gefängnissen durchgeführt – damals noch mit einer anderen Ausstellung. Insofern haben wir durchaus eine Vorreiterrolle in diesem Feld. Politische Bildung findet auch anstaltsintern im Schulunterricht statt und es gibt eine Reihe weiterer externer Träger, die Projekte im Strafvollzug durchführen. Vor allem im Zuge von Debatten um Gefängnisse als mögliche Rekrutierungsanstalten rechtsextremer und islamistischer Szenen ist das Feld stärker ins Blickfeld der politischen Bildung geraten. Mit entsprechenden Förderprogrammen wurde auf den Mangel an Angeboten reagiert und es wurden Projekte im Feld der Deradikalisierung aufgelegt. Unabhängig von der Frage, ob es einen besonderen Bedarf an politischer Bildung im Strafvollzug gibt, müssen wir aber auch eine grundständige politische Bildung sicherstellen. Wichtig ist erst einmal, dass Menschen in Haft überhaupt Zugang zu Angeboten erhalten. Wir wollen mit unserer Arbeit möglichst viele Menschen erreichen und nehmen daher Zielgruppen in den Blick, die bisher kaum erreicht werden. Seit 2015 sind wir mit der Wanderausstellung „Lasst mich ich selbst sein. Anne Franks Lebensgeschichte“ in Gefängnissen unterwegs.

FpB: Welche Vorstellung von politischer Bildung ist grundlegend für Ihre Angebote im Strafvollzug?

RG: Auch wenn die Bildungsarbeit im Strafvollzug in einem besonderen Setting stattfindet, müssen sich die Inhalte und Methoden nicht grundlegend von anderen Angeboten unterscheiden. Es macht viel aus, dass wir von außen kommen und nicht in die hierarchische Struktur des Gefängnisses eingebunden sind. So schaffen wir einen offenen Lernraum und unser pädagogisches Team begegnet den Gefangenen möglichst unvoreingenommen. Wir interessieren uns nicht für die Haftgründe der Gefangenen, sondern für ihre Fragen und Gedanken zu den Themen unserer Ausstellung. Neben der Vermittlung von Wissen wollen wir dazu anregen, eigene Haltungen zu hinterfragen und bringen den Teilnehmenden viel Zutrauen entgegen. Nach zwei Tagen intensiver Seminararbeit übernehmen sie als Peer Guides die Aufgabe, Gruppen durch die Ausstellung zu begleiten. Dabei kommen Sie mit anderen Gefangenen, aber auch Bediensteten, Angehörigen oder Besucher_innen über die Geschichte und die Gegenwart kritisch ins Gespräch. Wir bemühen uns, unsere Angebote und Materialien inklusiv zu gestalten und alle Interessierten einzubeziehen. Die Mitarbeiter_innen der Justizvollzugsanstalten sind oft überrascht, wie sehr sich die zumeist jungen Männer im Projekt engagieren. Und die Gefangenen, die zu einem großen Teil keine hohe formale Bildung haben, bisher kaum vor Gruppen gesprochen haben und denen selten jemand vorbehaltlos zuhört, entwickeln mehr Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. In dieser Hinsicht ist unsere Bildungsarbeit im besten Sinne persönlichkeitsstärkend. Auf Inhaftierte wird in der Regel sehr defizitorientiert geschaut. Unsere Bildungsarbeit verhilft ihnen dazu, Anerkennung und Selbstwirksamkeit zu erfahren.

FpB: Welches sind Ihre bisherigen Erfahrungen in der politischen Bildungsarbeit im Strafvollzug?

RG: Mittlerweile hat das Anne Frank Zentrums bundesweit 32 Ausstellungsprojekte in Justizvollzugsanstalten realisiert – sowohl im Jugend-, als auch im Erwachsenenvollzug, mit männlichen, aber auch weiblichen Gefangenen in verschiedenen Vollzugsarten. Die Erfahrungen sind entsprechend vielfältig. Die Projekte waren überwiegend sehr erfolgreich. Das zeigen uns nicht zuletzt die Rückmeldungen aus den Justizvollzugsanstalten in unseren Evaluationen. Einige Justizvollzugsanstalten nutzen die Chance, um sich im Rahmen des Projekts für externe Besucher_innen zu öffnen und beispielsweise die Kooperation mit Schulen zu suchen, andere Projekte bleiben anstaltsintern. Wir konnten auch schon weiterführende Projekte anregen, beispielsweise Ausstellungsbesuche oder Begegnungen mit Zeitzeug_innen. Es bleibt aber eine Herausforderung, Anstalten für unsere Ausstellungsprojekte zu gewinnen und für das Peer-Education-Konzept zu begeistern. Die Abstimmungsprozesse sind recht langwierig; neben organisatorischen Fragen nach geeigneten Räumen und personellen Ressourcen gibt es eine grundlegende Skepsis. Bevor ich die Projektleitung übernommen habe, war ich selbst skeptisch. Warum sollen sich Menschen in Haft ausgerechnet mit dem Tagebuch von Anne Frank beschäftigen? Das Interesse ist aber groß. Die Teilnehmenden beschäftigen sich intensiv mit der Biografie und setzen die Zeit, die Anne Frank im Versteck in Amsterdam verbringen musste, in Beziehung zu ihrem eigenen Eingesperrtsein, reflektieren aber auch die Unterschiede. Auch die besondere Situation im Gefängnis kommt immer wieder zur Sprache: Konflikte unter Gefangenen, rassistische Kommentare, Hakenkreuz-Schmierereien. Nicht immer finden die Anstalten einen geeigneten Umgang damit.

FpB: Welche weiteren Herausforderungen gibt es im Strafvollzug für politische Bildung?

RG: Neben der Hürde, die Justizministerien und die jeweiligen Anstalten zu überzeugen, tun sich in der Bildungsarbeit selbst schnell Widersprüche auf. Das Prinzip der Freiwilligkeit kann in diesem Kontext nicht eingelöst werden. Wir können in unseren Bildungssettings zudem nur bedingt den Rahmen schaffen, sich gut aufgehoben zu fühlen. Niemand ist freiwillig im Gefängnis. Das Leben in Haft ist fremdbestimmt und von Ordnungs- und Sicherheitsaspekten dominiert. Demgegenüber stehen Bildungsprojekte, die politische Willensbildung, Engagement und Teilhabe zum Ziel haben. Die pädagogische Arbeit muss sich den Abläufen im Strafvollzug unterordnen. Die Bewegungsfreiheit und die Nutzung moderner Medien sind vollkommen eingeschränkt, Demokratie-Lernen ist da nur bedingt möglich. Man kann darüber streiten, wie nachhaltig solche Projekte im Strafvollzug wirken, aber wir erreichen so Menschen, die wir anders gar nicht erreichen. Viele Gefangene im Jugendstrafvollzug haben eine brüchige Bildungsbiografie. Ihre Bereitschaft, Bildungsangebote wahrzunehmen, ist aufgrund negativer Erfahrungen nicht sehr hoch. Um Gefangene für unser Projekt zu interessieren, sind wir sehr auf die Unterstützung der Justizvollzugsanstalten angewiesen, aber nicht immer wird unser Konzept uneingeschränkt mitgetragen. Teilweise werden wir auch mit Erwartungen überfrachtet. Durch kurzzeitpädagogische Gruppenarbeiten können wir aber keine gefestigten Weltbilder ins Wanken bringen. Die Teilnehmenden müssen die Bereitschaft mitbringen, sich auf die Themen unserer Ausstellung einzulassen. Abgesehen von ihrem Haftstatus, sind die Gruppen, mit denen wir arbeiten, sehr heterogen hinsichtlich Alter, Bildung und Sprache. Das ist eine Herausforderung für die inhaltliche und methodische Arbeit, aber auch eine Chance, verschiedene Perspektiven wahrzunehmen und voneinander zu lernen.

FpB: Welche Empfehlungen können Sie aus Ihren Erfahrungen für politische Bildung im Strafvollzug ableiten?

RG: Aus meiner Erfahrung möchte ich raten, eigene Zuschreibungen gegenüber Menschen in Haft zu hinterfragen und den Mut zu haben, Bildungsprojekte im Strafvollzug anzuregen. Im Feld des historischen Lernens bieten sich Workshops, Schreib- und Geschichtswerkstätten an, aber auch zu allen anderen Themen der politischen Bildung gibt es Anknüpfungspunkte und passende Formate. In der Vorbereitung und Projektumsetzung braucht es viel Kommunikation und Offenheit für die jeweilige Arbeitsweise des Gegenübers, von Seiten der Justizvollzugsanstalten wie auch der externen politischen Bildner_innen. Um Projekte nachhaltig zu gestalten, sollte die Institution als Ganzes in den Blick genommen werden. Die Mitarbeiter_innen sollten gut informiert und einbezogen werden. Im besten Fall gibt es auch eine Verzahnung mit dem Schulunterricht oder anderen anstaltsinternen Angeboten. Wir stellen in den einzelnen Projekten auch immer wieder spezifische Interessen und Bedarfe fest, auf die wir im Rahmen unserer Projektarbeit nicht ausreichend eingehen können. Hier könnten andere Träger mit weiterführenden Angeboten sinnvoll anknüpfen.

FpB: Das Anne Frank Zentrum kooperiert mit der Hochschule Merseburg. Eine Studie zu den Angeboten der politischen Bildung im (Jugend-)Strafvollzug wird erstellt, in der es vor allem um Angebote, Bedarfe und Leerstellen geht. Wie kam es zu der Kooperation und was versprechen Sie sich aus Sicht der Praxis von der Studie?

RG: Um unsere Erfahrungen weiterzugeben und uns mit anderen Trägern über die Chancen und Grenzen der politischen Bildung im Strafvollzug auszutauschen, haben wir bereits 2017 und 2018, gemeinsam mit der Bundeszentrale für politische Bildung und dem Violence Prevention Network, zu Fachtagen mit diesem Thema eingeladen. Dabei ist der Kontakt zu Prof. Dr. Jens Borchert von der Hochschule Merseburg entstanden. Von der Studie erhoffen wir uns Anregungen für unsere eigene pädagogische Arbeit, aber auch für andere Bildungsträger. Wir wollen zum Beispiel erfahren, welche Interessen Inhaftierte selbst artikulieren, welche Potenziale die Mitarbeiter_innen der Justizvollzugsanstalten sehen oder welche Bildungsmaterialien nachgefragt werden. Aus der Praxis heraus bekommen wir zwar viele Anregungen, es fehlt aber eine wissenschaftliche empirische Basis zu grundsätzlichen Bedarfen und Leerstellen. Wir wissen auch wenig darüber, in welchem Umfang politische Bildung anstaltsintern stattfindet, wie viele Projekte durchgeführt werden und wie deren Wirksamkeit eingeschätzt wird. Daneben wollen wir auch weitere Zielgruppen in den Blick nehmen: Wie steht es um den Weiterbildungsbedarf für Mitarbeiter_innen der Justizvollzugsanstalten? Wir werden uns im Rahmen der Studie einen Überblick über bestehende Angebote verschaffen und praktische Handlungsempfehlungen geben, damit Kooperationen entstehen, Synergien besser genutzt und innovative Projekte entwickelt werden können.

Zum Weiterlesen

  • Weitere Informationen zu den Ausstellungsprojekten des Anne Frank Zentrums in Justizvollzugsanstalten sowie zu entsprechenden Evaluationen und Dokumentationen von Fachtagungen. Mehr lesen
  • „Das Thema politische Bildung im Strafvollzug ist eine ganz große Leerstelle.“ Interview mit Jens Borchert. Mehr lesen






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