„Das Thema politische Bildung im Strafvollzug ist eine ganz große Leerstelle.“ Interview mit Jens Borchert

Prof. Dr. Jens Borchert ist Professor für Sozialarbeitswissenschaft und Kriminologie an der Hochschule Merseburg. Wir haben mit ihm über den Stand politischer Bildung im (Jugend-)Strafvollzug und eine Studie gesprochen, die er aktuell zu diesem Thema durchführt. Er sieht einen großen Bedarf an politischer Bildung im Vollzug.


Prof. Dr. Jens Borchert (Foto: privat)

Prof. Dr. Jens Borchert (Foto: privat)

Prof. Dr. Jens Borchert ist Professor für Sozialarbeitswissenschaft und Kriminologie an der Hochschule Merseburg. Wir haben mit ihm über den Stand politischer Bildung im (Jugend-)Strafvollzug und eine Studie gesprochen, die er aktuell zu diesem Thema durchführt. Er sieht einen großen Bedarf an politischer Bildung im Vollzug.

Fachstelle politische Bildung:
Ist es richtig, dass politische Bildung im Strafvollzug ein eher vernachlässigtes Thema ist?

Jens Borchert: Bildung ist im Strafvollzug allgemein eigentlich ein ganz großes Thema, dabei handelt es sich aber um andere Bildungsformate.

Seit mindestens 100 Jahren wird immer wieder untersucht und festgestellt, dass Strafe hauptsächlich an Menschen mit einem geringen sozioökonomischen Status vollstreckt wird. Von diesen wird angenommen, dass es ihnen häufig an schulischer und beruflicher Bildung oder auch an einer grundlegenden Alphabetisierung fehlt. Das sind daher auch Bildungsschwerpunkte im Vollzug. Nach den ersten Interviews, die wir bis jetzt im Rahmen unseres aktuellen Forschungsprojekts geführt haben, gibt es dagegen politische Bildung eher selten.

FpB: Welche Angebote politischer Bildung gibt es bereits im Strafvollzug?

JB: Zum einen findet politische Bildung im Rahmen von schulischen Maßnahmen in speziellen Fächern wie Gemeinschaftskunde oder Ethik statt, je nachdem wie das Fach im jeweiligen Bundesland heißt. In ein oder zwei Wochenstunden, wenn überhaupt, geht es um klassische Wissensvermittlung. Es wird beispielsweise gefragt: Was ist der Bundestag? oder Wie funktioniert das deutsche Wahlsystem? Ob die Gefangenen damit viel anfangen können, ist die Frage. Aber es ist zumindest ganz gut, dass sie das überhaupt einmal hören.

In den letzten Jahren findet man den deutlich größeren Anteil an politischer Bildung in der sogenannten Gefangenenfreizeit, das heißt ab circa 15 oder 16 Uhr. Nicht alle Jugendstrafgefangenen gehen in die Schule und im Erwachsenenstrafvollzug ist dies sowieso die Ausnahme.

Es handelt sich dabei um Maßnahmen von externen Anbietern. Als ich noch im Jugendstrafvollzug in Regis-Breitingen in Sachsen gearbeitet habe, war das beispielsweise das Projekt „Abschied von Hass und Gewalt“, das vom Violence Preven tion Network Berlin durchgeführt wurde, einem großen Anbieter solcher Kurse. Ich glaube, es ist inzwischen übliche Praxis, dass externe Anbieter, die sich im Laufe der Jahre eine Expertise erarbeitet haben, in die Gefängnisse geholt werden und meistens eine eigene Konzeption ihrer Angebote politischer Bildung mitbringen.

FpB: Das heißt, die Teilnahme an den Angeboten politischer Bildung erfolgt freiwillig?

JB: Die Teilnahme ist in der Regel freiwillig und läuft wie fast alles im Strafvollzug über sogenannte Anträge. Das ist ein kleiner Zettel, der von den Gefangenen ausgefüllt werden muss, und die zuständigen Personen auf der Station oder in der Wohngruppe können dann positiv oder negativ entscheiden, ob die Person geeignet ist oder ob es zum Beispiel nicht so günstig wäre, wenn sich bestimmte Gefangene in einem solchen Projekt treffen. Der Antrag kann deswegen auch mal abgelehnt werden.

FpB: Was unterscheidet politische Bildung im Strafvollzug zu anderen Praxisfeldern politischer Bildung?

JB: Im Strafvollzug in Deutschland soll den Gefangenen nicht alles weggenommen werden, sondern nur die Freiheit, die Bewegungsfreiheit. Das ist aber schon ein sehr vehementer Eingriff und in diesem Sinn ist der Zugang begrenzt.

Ein Unterschied ist außerdem, dass der Vollzug eine ganz eigene Dynamik entwickelt. Ein Gefangener, der draußen als linker Punk in der Hausbesetzerszene aktiv war, trifft im Gefängnis möglicherweise auf Leute, die ihm draußen wahrscheinlich Böses hätten tun wollen. Die werden sich in der Haft in der Regel in irgendeiner Art und Weise als Schicksalsgenossen verstehen und möglicherweise verbrüdern. Ich habe das ein paar Mal selbst erlebt. Es gibt auch Wissenschaftler_innen, die beschreiben, wie plötzlich die unterschiedlichsten Gruppen zusammensitzen und Karten spielen, sich untereinander Spitznamen geben und es sehr freundschaftlich wirkt, die aber, wenn sie sich draußen wieder begegneten, wahrscheinlich aufeinander losgingen.

In der politischen Bildung in der Haft kann es also durchaus sein, dass Rechtsextreme, Islamisten, Linke und völlig unpolitische Tätergruppen zusammen in einem Raum sitzen. Sie erleben sich alle als Menschen, denen die Freiheit genommen wird, und das führt dann möglicherweise zu dieser Verbrüderung.

FpB: Welche Unterschiede gibt es noch zwischen Teilnehmenden im und außerhalb des Strafvollzugs?

JB: Wir haben eine spezifische Insassengruppe, die viele Maßnahmen in ihrem bisherigen Leben eher als negativ und kontrollierend empfunden haben. Sie haben den Staat, Lehrer_innen oder das Jugendamt als Kontrollinstanz erfahren. Wenn wir jetzt mit Bildung ankommen, kann es durchaus sein, dass sie sagen „Oh, nee, Bildung. Alles, was wir davon bisher gehört haben, war immer das Gleiche: Man hat uns bewertet, möglicherweise abgewertet etc.“

Insofern sind die Insassen im Strafvollzug von ihren bisherigen Lebensverläufen her verhältnismäßig homogen, eine traurige Homogenität, der man da gegenübersteht.

Häufig haben sie zunächst selbst Gewalt erlitten, dann weitergegeben, wurden also vom Opfer zum Täter, haben oft die Schule abgebrochen, keine Berufsausbildung, viele Kontakte zu irgendwelchen Kontroll- oder sonstigen Instanzen gehabt, diese auch alle abgebrochen und sind dann im Gefängnis gelandet. Bis jetzt ist es eher so, dass im Vollzug Menschen mit einem Lebenslauf sind, der sie quasi zielstrebig dorthin führte. Das sagt allerdings auch viel darüber aus, wen wir einsperren und wen nicht.

FpB: Gibt es Themen, die in den Angeboten politischer Bildung besonders häufig vorkommen?

JB: Ein ganz großes Thema ist Radikalisierung in der Haft und außerhalb, aber auch politische Bildung vor dem Hintergrund einer Gesellschaft, in der Radikale stärker werden und vehementer auftreten. Das Thema Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit spielt oft eine Rolle, da häufig radikalisierte Menschen Gewaltstraftaten oder Straftaten begehen.

Die aktuellen Programme versuchen oftmals Radikalisierung vorzubeugen. Häufig geht es darum, mit kulturellen Ansätzen an das Gefühlsleben der Inhaftierten heranzukommen. Die meisten Angebote, vor allem die von externen Anbietern, versuchen, in Gruppen zu arbeiten und beispielsweise ein demokratisches Miteinander einzuüben. Es gibt Projekte, die zum Beispiel das Betzavta-Programm verwenden. Hierbei werden bestimmte Erfahrungen gemacht, und es geht darum nachzuempfinden, wie es den Teilnehmenden dabei ergangen ist. Im Mittelpunkt stehen die Aushandlungsprozesse, die eine Zeit brauchen, bis eine Situation vielleicht gerecht ist.

Beliebte Formate oder Methoden sind auch Theaterpädagogik, Foto- oder Kunstprojekte. In Nordrhein-Westfalen gibt es zum Beispiel ein Projekt das nennt sich „Licht und Schatten“, dort sitzen die Jugendlichen hinter einer Schattenwand und berichten über ihr Erleben in der Maßnahme.

FpB: Die Hochschule Merseburg kooperiert unter Ihrer wissenschaftlichen Leitung mit dem Anne Frank Zentrum Berlin. Sie erstellen eine Studie zu den Angeboten politischer Bildung im (Jugend-)Strafvollzug. Es geht dabei vor allem um Angebote, Bedarfe und Leerstellen. Sie verfolgen das Ziel, den Stand der Angebote und Spezifika der politischen Bildung zu ermitteln. Was ist Ihr Erkenntnisinteresse?

JB: Für den Strafvollzug gibt es weder eine Übersicht zu politischer Bildung noch allgemeine Aufsätze oder Ähnliches. Das Thema politische Bildung im Strafvollzug ist eine ganz große Leerstelle. Unsere Studie ist daher ein Pilotprojekt, mit dem wir einen Überblick zum aktuellen Stand geben möchten.

FpB: Wie gehen Sie vor?

JB: Wir wollen in allen Bundesländern, möglichst im Jugendstrafvollzug, in die Anstalten gehen und dort mit den Mitarbeiter_innen sprechen, die für Bildungsprozesse verantwortlich sind, also Lehrer_innen, Sozialarbeiter_innen, Freizeitbedienstete, je nachdem wo politische Bildung stattfindet und in welchem Rahmen. Die ersten dieser qualitativen Interviews haben wir geführt; wir sind gerade in der Auswertungsphase.

Als Zweites wollen wir Jugendstrafgefangene quantitativ befragen. Da dies datenschutzrechtlich heikel ist, werden wir junge Erwachsene ab 18 und bis 21/22 Jahren befragen, je nachdem, wie nach Jugendstrafrecht verurteilt wurde. Dafür bereiten wir einen kleinen Fragebogen vor, in dem wir ganz vorsichtig bestimmte Einstellungen abfragen, ohne in die Tiefe zugehen, und die jungen Erwachsenen danach fragen, was für sie politische Bildung ist und welche Angebote sie wahrnehmen.

Im dritten Teil des Projekts wollen wir einzelne externe Anbieter befragen. Da gibt es viele, zum Beispiel das Anne Frank Zentrum Berlin, in Nordrhein-Westfalen IFAK e.V. (Verein für multikulturelle Kinder- und Jugendhilfe – Migrationsarbeit) oder Miteinander – Netzwerk für Demokratie und Weltoffenheit in Sachsen-Anhalt e.V. Diese werden wir fragen, was für sie politische Bildung ist.

FpB: Inwiefern kann die Praxis politischer Bildung von der Studie profitieren?

JB: Am Ende des Projekts möchten wir einen möglichst umfassenden Begriff für politische Bildung im Strafvollzug haben, für den möglichst die internen Sichterweisen mit den externen abgeglichen wurden, aber auch die Perspektive der Adressat_innen, also der Gefangenen, nicht zu kurz kommt. Und wir wollen beschreiben, was bereits stattfindet, welcher Bedarf geäußert wird, in welchen Bereichen mehr erfolgen muss, welche Themen im Gefängnis zu wenig vorkommen und wie man mit Zielgruppen spezifischer umgehen kann.

Ziel ist es, möglichst konzeptionelle Vorschläge, aber auch in Bezug auf Umfang, Setting und Inhalte Vorschläge zu unterbreiten, wie politische Bildung sich weiter professionalisieren kann und wie die Projekte voneinander lernen können.

Die externen Projekte, die häufig durch Demokratie leben! gefördert werden, stehen oft schon im Austausch miteinander. Wir wollen, ohne diese Projekte in irgendeiner Art und Weise zu evaluieren, schauen, wie sie in den Vollzugsanstalten ankommen, was beispielsweise die Bediensteten über diese Projekte sagen. Externe wirken drinnen häufig wie Fremdkörper und stehen vor bestimmten Hürden. Sie können nichts dafür, machen den Bediensteten aber Arbeit, etwa da sie keinen Schlüssel haben und nicht allein von A nach B kommen. Ziel der Studie ist, dass die Anstalten danach mehr politische Bildung anbieten können.

FpB: Gibt es schon erste Ergebnisse?

JB: Tatsächlich haben wir bis jetzt noch keine fixen Ergebnisse. In den wenigen Interviews mit dem pädagogischen Personal in den Haftanstalten, die wir bis jetzt ausgewertet haben, wird aber ganz deutlich gesagt: „Der Bedarf ist da, der Bedarf ist groß“.

FpB: Gibt es besondere Herausforderung für den Forschungsprozess?

JB: Das gewünschte Antwortverhalten ist ja bei Forschungen immer ein Thema. Im Strafvollzug ist zudem der Zugang zum Feld problematisch: Wie komme ich überhaupt an die Inhaftierten heran? Wir werden zu den Haftanstalten hinfahren, vor Ort präsent sein und transparent machen, worum es geht. Eine weitere Herausforderung ist es, dass der Bildungs- und Sprachhorizont einzelner Strafgefangene nicht sehr hoch ist. Wir bemühen uns daher um eine sehr einfache Sprache. Aber es gibt in jeder Anstalt auch schlecht oder gar nicht alphabetisierte Jugendliche; dass wir in der Befragung verschriftlicht arbeiten, ist daher eine große Hürde. Und wir werden den Fragebogen für die Gefangenen in verschiedene Sprachen übersetzen.

FpB: Wie waren die ersten Reaktionen auf Ihr Vorhaben?

JB: Viele Bundesländer haben tatsächlich schnell reagiert, sind sehr aufgeschlossen und zeigen großes Interesse. Auch bei Mitarbeiter_innen, mit denen wir im Vorfeld gesprochen haben, gibt es eine ganz große Bereitschaft, uns zu unterstützen. Jetzt wird es spannend, wie die Inhaftierten reagieren. Ich kenne aus meiner eigenen Arbeit im Vollzug noch viele Lehrer_innen in deutschen Gefängnissen persönlich, wir hoffen, dass wir über sie einen Zugang zu den Inhaftierten bekommen.

 

Veröffentlicht am 26.02.2019.



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