„Politische Bildung sollte auch als Aktivismus und Wissenschaft auch als Wissensgenerierung durch Communities verstanden werden.“ Fünf Fragen an Iman Attia

Iman Attia ist Professorin für Critical Diversity Studies, Rassismus und Migration an der Alice Salomon Hochschule Berlin. In einem kurzen Interview gibt sie Einblicke in ihre Forschung zu antimuslimischem Rassismus und verschiedenen Projekten der historisch-politischen Bildung. Sie weist darauf hin, dass die ungleiche Verteilung von Macht in der Gesellschaft und die Pluralität der Gesellschaft in der Bildungsarbeit grundlegend berücksichtigt werden muss, um politische Bildung für alle zugänglich und relevant zu machen.


Prof.in Iman Attia (Foto: privat)

Prof.in Iman Attia (Foto: privat)

Iman Attia ist Professorin für Critical Diversity Studies, Rassismus und Migration an der Alice Salomon Hochschule Berlin. In einem kurzen Interview gibt sie Einblicke in ihre Forschung zu antimuslimischem Rassismus und verschiedenen Projekten der historisch-politischen Bildung. Sie weist darauf hin, dass die ungleiche Verteilung von Macht in der Gesellschaft und die Pluralität der Gesellschaft in der Bildungsarbeit grundlegend berücksichtigt werden muss, um politische Bildung für alle zugänglich und relevant zu machen.


1. Was ist Ihr aktuelles und was war Ihr letztes Forschungsprojekt zur historisch-politischen Bildung?

Aktuell untersuchen wir, wie muslimische Akteur_innen angesichts des antimuslimischen Rassismus, insbesondere in Bedrohungsszenarien, Definitions- und Handlungsmacht über ihre Arbeit (wieder-)erlangen. In einem abgeschlossenen Projekt wurde, zusammen mit rassialisierten Communities, die historische und gegenwärtige Bedeutung von Zugehörigkeitsordnungen mit Fokus auf Schule recherchiert. Die Ergebnisse sind inzwischen auch online zugänglich: Verwobene Geschichte*n – Geteilte Erinnerungen in Berlin. Dort können auch Ergebnisse früherer Projekte nachgelesen werden, beispielsweise zu Menschen und Orten, die auf globalhistorische Verwobenheiten hinweisen. Projekte zu weiteren Themen sind dort ebenfalls zu finden: Zum Thema unfreie Arbeit und Rassismus in der Versklavung von Afrikaner_innen im Kolonialismus, im Nationalsozialismus und den Fortschreibungen bis heute, wurde eine Stadttour durch Berlin entwickelt. Ein Film zeigt, wie Feministinnen of Color den Mauerfall erlebt haben, Interviews mit Aktivist_innen der Bürgerrechtsbewegung der Sinti*zze und mit Schüler_innen und Pädagog_innen of Color erzählen von antirassistischen Kämpfen in Vergangenheit und Gegenwart.


2. Welche Ihrer Forschungsergebnisse halten Sie für besonders relevant für die Praxis politischer Bildung?

Die ungleiche Verteilung von Macht in der Gesellschaft – auch in der Bildungsarbeit – ist grundlegend zu berücksichtigen. Eine machtkritische Perspektive, aus der heraus Fragen formuliert, unsichtbar gemachte und ausgeschlossene Perspektiven eingeführt und Themen multiperspektivisch bearbeitet werden, ist eine Voraussetzung dafür. Weitere Voraussetzungen sind die kritische Auseinandersetzung mit nationalen Narrativen, die Provinzialisierung eurozentrischer Erzählungen und die globalhistorische Perspektivierung aktueller Problem- und Lebenslagen. Alle zusammen sind wichtig, um politische Bildung so zu organisieren, dass sie zur kritischen Reflexion von Machtverhältnissen beiträgt, die Verwobenheit der Geschichten und unterschiedliche Perspektiven und Positionen offenlegt und damit für Bildungsprozesse aller Zielgruppen zugänglich und relevant wird.

 

3. Welche Themen im Kontext politischer Bildung sollten Ihrer Meinung nach beforscht werden?

Nicht nur sehr viele Themen müssen untersucht werden, sondern auch andere Herangehensweisen und Perspektiven auf Themen. Das betrifft etwa den Nahostkonflikt und das Verhältnis Palästina-Israel-Deutschland (und Großbritannien) und die postnazistischen und postkolonialen Implikationen für die Auseinandersetzung mit Migrations- und Fluchtbewegungen der letzten Jahrzehnte. In Deutschland wird das Thema sehr stark mit Blick auf die eigene (Mit-)Täter_innenschaft im Nationalsozialismus behandelt und diese Perspektive zu universalisieren versucht. In einer Gesellschaft, die deutlich mehr Narrative bereithält und deren Bürger_innen auf einer größeren Komplexität des Themas bestehen, funktioniert dies aber nicht. In einigen Bildungsprojekten und Erinnerungslandschaften wird inzwischen dem Umstand Rechnung zu tragen versucht, dass die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus die Geschichte des Nahostkonflikts und seine aktuellen Folgen berücksichtigen muss. Das geschieht gegenwärtig noch zu sehr aus einer Perspektive, die den Nahostkonflikt instrumentalisiert, um Zugang zu Jugendlichen zu bekommen und sie für den Nationalsozialismus zu interessieren. Nötig wäre eine Beschäftigung mit dem Nahostkonflikt, um sich mit dem Nahostkonflikt zu beschäftigen.

Auch der deutsche Kolonialismus wird in Bildungsarbeit und Schule kaum behandelt. Das ändert sich langsam, aber es fehlt systematische, für die Bildungsarbeit nutzbare Forschung. Ebenso sollte die muslimische Geschichte Europas erzählt werden, nicht nur die Vertreibungen, sondern auch die vielfältige Verwobenheit. Die Unkenntnis über die gemeinsamen Bezüge von Islam, Christentum und Judentum sowie das Wirken arabischer und muslimischer Gelehrter ohne die die sogenannte europäische Aufklärung nicht möglich gewesen wäre, ist erschreckend, ebenso das mangelnde Wissen über Literatur, Philosophie, Architektur, Kunst und vieles andere, das in der kulturellen und religiösen Begegnung und Auseinandersetzung entwickelt wurde und entstanden ist. 


4. Welchen Gewinn für die politische Bildung können ein Dialog zwischen Wissenschaft und Praxis sowie ein Austausch zwischen und innerhalb der Wissenschaftsdisziplinen bringen?

Praxis sollte nicht nur als (außer-)schulische politische Bildung, sondern auch als Aktivismus verstanden werden und Wissenschaft nicht nur als akademische Praxis, sondern auch als Wissensgenerierung durch Communities. Das könnte dazu beitragen, wenig berücksichtigte Themen und Perspektiven sowie Diskurse und Erkenntnisse zusammenzubringen, die sich gegenseitig befruchten können, um die Relevanz der jeweiligen Arbeit zu überprüfen und bei Bedarf neu zu justieren.

5. Die Fachstelle politische Bildung hat eine Landkarte der Forschung zur politischen Bildung entwickelt, um Austausch und feldübergreifende Zusammenarbeit zu fördern: zwischen und innerhalb der Wissenschaftsdisziplinen, aber auch zwischen Wissenschaft und Praxis. Sie sind dort mit einem Eintrag vertreten. Über welche Kontaktaufnahmen oder Anfragen anderer Wissenschaftler_innen, Praktiker_innen oder sonstiger Interessierter würden Sie sich freuen?

Ich halte insgesamt inter- oder disziplinäres Arbeiten für äußerst anregend und interessant, ebenso die Verbindung von Theorie, Empirie und Praxis, von Wissenschaft und Aktivismus sowie von Narrativen aus unterschiedlichen Perspektiven, seien sie national, subkulturell oder generationsübergreifend.

 

Veröffentlicht am 10.07.2019

 

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