„Die politische Bildung sollte aus ihrer Komfortzone herauskommen“. Interview mit Viktoria Spaiser

Dr. Viktoria Spaiser stellt im Gespräch mit der Transferstelle politische Bildung zentrale Erkenntnisse Ihrer Studie „Neue Partizipationsmöglichkeiten? Wie Jugendliche mit und ohne Migrationshintergrund das Internet politisch nutzen“ vor. Dabei berichtet sie von E-Mail-Protestaktionen, der Motivation türkischstämmiger Jugendlicher zur politischen Internetnutzung und den Erwartungen Jugendlicher an politische Bildungsangebote im Netz.


Dr. Viktoria Spaiser (Foto: privat)

Dr. Viktoria Spaiser (Foto: privat)

Dr. Viktoria Spaiser ist Soziologin und Politikwissenschaftlerin mit einem zusätzlichen Abschluss in Computer Science. Nach Stationen in Zürich, Stockholm und Uppsala ist sie seit August 2015 University Academic Fellow an der Universität von Leeds. Im Gespräch mit der Transferstelle politische Bildung stellt sie zentrale Ergebnisse Ihrer Studie „Neue Partizipationsmöglichkeiten? Wie Jugendliche mit und ohne Migrationshintergrund das Internet politisch nutzen“ vor.


Transferstelle politische Bildung: Welche Möglichkeiten zur Partizipation und Information bietet das Internet für Jugendliche?

Viktoria Spaiser: In meiner Arbeit beschreibe ich sieben Formen, wie Jugendliche das Internet zu politischen Zwecken nutzen können. Erstens können sie sich dort natürlich politisch informieren, sei es über Informationsportale, Nachrichten-Homepages, Blogs, Videos, Webseiten von politischen Gruppen oder ähnliche Angebote. Zweitens können sie auch selbst politische Informationen herstellen und diese in Form von Blogs oder Videos veröffentlichen. Drittens können Jugendliche sich über Kommentarfunktionen oder über explizite Online-Diskussionsgruppen an politischen Diskussionen beteiligen. Dann können sie das Internet viertens dazu nutzen, um für politische Aktionen zu mobilisieren, diese zu koordinieren und zu planen und politisches Networking zu betreiben. Das geschieht sehr häufig über Mailinglisten oder über Gruppen in verschiedenen Portalen. Fünftens können sie natürlich auch etablierte Formen der demokratischen Partizipation im Internet realisieren. Eine Möglichkeit wären beispielsweise Online-Wahlen – wobei diese sich bis jetzt nicht durchgesetzt haben, weil noch nicht geklärt ist, wie man beispielsweise geheime Wahlen online durchführen könnte. Andere Formen, wie Online-Petitionen, sind inzwischen etabliert und werden auch stark genutzt. Sechstens können auch Jugendliche im Internet selbst politische Aktionen/Kampagnen durchführen, also sehr prominent sind z.B. E-Mail-Protestaktionen, bei denen massenhaft Mails mit bestimmten Botschaften an Politiker oder Unternehmen verschickt werden. Und schließlich gibt es siebtens noch einen Graubereich, quasi ein Äquivalent zu zivilem Ungehorsam oder direkten Aktionen, wie es sie offline im politischen Leben auch gibt. Beispiele hierfür sind etwa sogenannte „Distributed Denial of Service-Attacken“, die unter anderem von dem Hacker- und Aktivisten-Kollektiv „Anonymus“durchgeführt werden und bei denen ein Server gezielt mit so vielen Anfragen bombardiert wird, dass das System die Aufgaben nicht mehr bewältigen kann und im schlimmsten Fall zusammenbricht. Ein anderes Beispiel ist die sogenannte „Online Direct Action“ bzw. „Web Displacement“, wenn also Webseiten gehackt werden und z.B. politische Botschaften auf diesen Webseiten veröffentlicht werden.

TpB: Welche Rolle spielt die mobile Internetnutzung, z.B. über die allgegenwärtigen Smartphones?

VS: Die gleichen Formen der politischen Beteiligung, die ich jetzt erwähnt habe, können natürlich auch über Smartphones realisiert werden. Was hinzukommt, ist, dass das viel mobiler, also zeit- und ortsunabhängig wird. Das trägt natürlich zu einer Beschleunigung bei. So kann ich beispielsweise Videos von einer Demonstration hochladen, während ich noch dort bin und muss nicht erst warten, bis ich zu Hause bin. Oder ich kann einen Tweet an alle meine Freunde schicken, um sie zu mobilisieren, auch zu der Demonstration zu kommen, an der ich gerade teilnehme. Ich kann auch sofort eine Nachricht verschicken an andere politische Beteiligte, um mich mit ihnen zu koordinieren. Zusätzlich kommt also die Echtzeit-Komponente ins Spiel, wenn man Smartphones als ein Mittel der politischen Internetnutzung anführt. Ansonsten gelten die gleichen Erkenntnisse wie für das Internet allgemein.

TpB: Welche Voraussetzungen brauchen Jugendliche, um politisch im Internet zu partizipieren?

VS: Die Internetkompetenz, also eben die Möglichkeit, das Internet kompetent zu nutzen, ist zentral – nicht nur für politische Partizipation, aber eben auch dafür. Und diese Internetkompetenz hängt zu einem gewissen Grad auch mit Bildung und sozialem Status zusammen. In der Tendenz ist es so, dass Jugendliche, die besser gebildet sind und aus einer sozial besser gestellten Familie stammen, eher diese Kompetenzen entwickeln und daher auch eher das Internet politisch nutzen können.
Es gibt natürlich auch andere Faktoren, die für ein politisches Engagement entscheidend sind. Es muss schon eine gewisse Motivation vorhanden sein, etwas zu tun. Sehr häufig ist das eine politische Unzufriedenheit. Es muss außerdem die Einstellung vorherrschen, dass man etwas bewirken kann mit seiner Aktion, also eine politische Wirksamkeitserwartung. Diese Faktoren sind zentral für politisches Engagement und kommen daher auch für die politische Internetnutzung zum Tragen.

TpB: Nutzen Jugendliche mit Migrationshintergrund das Internet anders als Jugendliche ohne Migrationshintergrund?

VS: Überraschenderweise nutzen Jugendliche mit Migrationshintergrund das Internet sogar häufiger als Jugendliche ohne Migrationshintergrund. Das ist deswegen überraschend, weil sie generell eher aus sozial benachteiligten Kontexten kommen. Allerdings gibt es Unterschiede zwischen den Migrantengruppen. Im Gegensatz zu Jugendlichen aus der ehemaligen Sowjetunion oder aus ost-europäischen Staaten nutzen vor allem Jugendliche mit türkischem und arabischem Hintergrund das Internet sehr stark politisch. In meiner Arbeit konnte ich feststellen, dass dies häufig mit eigenen Erfahrungen von Ausgrenzung und Diskriminierung zusammenhängt. Die Jugendlichen verspüren aufgrund dieser Erfahrungen eine sehr viel stärkere politische Unzufriedenheit. Sie haben also eine starke Motivationslage, aktiv zu werden und etwas zu tun, ihre Stimme zu erheben, weil sie von Ungerechtigkeit betroffen sind. Ein anderer Grund für die Unterschiede liegt natürlich auch in dem politischen und sozialen Umfeld der Jugendlichen. Viele Jugendliche mit einem türkischen oder arabischen Hintergrund kommen aus einem politisierten Umfeld, während beispielsweise Aussiedler-Jugendliche häufig in einem Umfeld aufwachsen, das politische wenig interessiert ist. Auch die Themen, für die sich die Jugendlichen engagieren, unterscheiden sich. Bei deutschen Jugendlichen, die das Internet politisch nutzen, stehen vor allem Themen wie Internetfreiheit, Datenschutz und Bürgerrechte im Vordergrund, während sich Jugendliche mit Migrationshintergrund überwiegend für die eigene Migrantengruppe im Internet engagieren.

TpB: Welche Konsequenzen kann die politische Bildung aus Ihren Ergebnissen ziehen?

VS: Da das Internet auch für die Zukunft politischer Beteiligung immer zentraler wird, ist es wichtig, die Kompetenzen, die Bürgerinnen und Bürger hierfür mitbringen müssen, zu stärken. Computer- und Medienbildung sollten ein essentieller Bestandteil der Schulbildung werden. Auch der Politikunterricht sollte stärker diese neuen Beteiligungsformen, die das Internet bietet, diskutieren und auch aktiv üben, beispielsweise, indem man mit den Schülern Diskussionsbeiträge im Internet schreibt oder schaut, welche Möglichkeiten der Partizipation es gibt und wie man sie nutzen kann. Allgemein sollte die politische Bildung aus ihrer Komfortzone herauskommen und nicht mehr darauf warten, dass die Leute auf ihr Angebot reagieren. Sie sollte sich sehr viel mehr einbringen, nämlich da, wo die Leute sind: in den Portalen, auf Plattformen wie YouTube, Facebook, Twitter und so weiter. Dort finden politische Diskussionen statt, in denen sich auch für die politische Bildung eine Einmischung lohnt, indem sie etwa reagiert, wenn Leute dort irreführende oder tendenziöse Beiträge zu politischen Themen posten, und falsch dargestellte Sachverhalte mit Fakten widerlegt oder eigene Beiträge schaltet. Also ich finde, dass politische Bildung im digitalen Zeitalter viel interaktiver und viel breiter aufgestellt sein muss, als es bisher der Fall ist.

TpB: Ist eine solche Form der politischen Bildung im Internet auch geeignet, schwer erreichbare Zielgruppen anzusprechen?

VS: Ja, ich denke schon. In meiner Untersuchung ließen selbst Jugendliche, die nicht politisch aktiv sind, durchaus politisches Interesse erkennen, wollten aber von politischen Akteuren anders angesprochen werden. So wie Unternehmen Werbung auf Facebook schalten, so könnten auch politische Institutionen dort für politische Themen und politische Aktionen werben. Die Jugendlichen können einfach draufklicken. Wenn die hinterlegten Inhalte dann auch verständlich aufbereitet sind, also die Jugendlichen nicht wieder recherchieren müssen, um überhaupt zu verstehen, um was es da geht, dann würde sie das auch ansprechen. Aber natürlich gilt auch bei diesen schwer erreichbaren Gruppen, dass man ihre Kompetenzen stärken muss, damit sie sich überhaupt im Internet beteiligen können. Hier ist die Schulbildung gefragt, denn diese Kompetenzentwicklung sollte möglichst früh beginnen.

 

Veröffentlicht: Januar 2016



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