„In einem Einwanderungsland muss sich die politische Bildung mit dem für Einheimische ‚Selbstverständlichen‘ befassen.“ 5 Fragen an Prof. Dr. Aladin El-Mafaalani

Prof. Dr. Aladin El-Mafaalani ist Professor für Politikwissenschaft und Politische Soziologie an der Fachhochschule Münster. Er war Mitglied im Expert_innenrat der Transferstelle politische Bildung zum Jahresthema 2016. Seine Arbeits- und Forschungsschwerpunkte sind Bildungs-, Migrations- und Stadtforschung. Wir haben ihm fünf Fragen zu seiner Forschung, zu Zugangsmöglichkeiten zu bisher wenig erreichten Zielgruppen der politischen Bildung und zum Dialog zwischen Forschung und Praxis gestellt.


Prof. Dr. Aladin El-Mafaalani (Foto: © Wilfried Gerharz)

Prof. Dr. Aladin El-Mafaalani (Foto: © Wilfried Gerharz)

Prof. Dr. Aladin El-Mafaalani ist Professor für Politikwissenschaft und Politische Soziologie an der Fachhochschule Münster. Er war Mitglied im Expert_innenrat der Transferstelle politische Bildung zum Jahresthema 2016. Seine Arbeits- und Forschungsschwerpunkte sind Bildungs-, Migrations- und Stadtforschung. Wir haben ihm fünf Fragen zu seiner Forschung, zu Zugangsmöglichkeiten zu bisher wenig erreichten Zielgruppen der politischen Bildung und zum Dialog zwischen Forschung und Praxis gestellt.


1. Was ist Ihr aktuelles Forschungsprojekt? Was war Ihr letztes Forschungsprojekt?

Es laufen bei mir immer mehrere Projekte gleichzeitig. Die Projekte liegen immer in den Bereichen Bildungs-, Migrations- und/oder Stadtforschung.
Derzeit forschen wir zur religiösen und politischen Radikalisierung von Jugendlichen, zum Erleben rassistischer Diskriminierung aus der Perspektive von Betroffenen, aber auch zu Fragen der Bildungschancen von Geflüchteten im interkommunalen Vergleich. Das sind durchweg wissenschaftlich hoch interessante und zugleich praxisrelevante Fragestellungen.

 

2. Welche Vorteile kann ein Dialog zwischen Wissenschaft und Praxis für die politische Bildung bringen?

Die politische Bildung verfolgt zu Recht dauerhaft gültige Grundsätze und Ziele, sie muss sich aber gleichzeitig auch mit der Zeit bewegen. Inhaltliche Ausrichtungen müssen immer wieder überprüft und methodische Fragen neu gestellt werden, nicht zuletzt, um alle Zielgruppen zu erreichen. Für beide Bereiche kann die Wissenschaft viel beitragen.

 

3. Welche Ihrer empirischen Forschungsergebnisse halten Sie für besonders relevant für die Praxis politischer Bildung und zu welchen Themen sehen Sie Forschungsbedarf im Kontext politischer Bildung?

Ein zentraler Befund war etwa, dass sehr viele Jugendliche, die sich der salafistischen Jugendbewegung anschließen, zunächst kaum religiös, sondern vielmehr politisch interessiert waren. Wenn es einen Bezug zu aktuellen Entwicklungen gibt, interessieren sich fast alle Jugendlichen, unabhängig von der Herkunft, für die Themen Extremismus, Terrorismus und Diskriminierung sowie für internationale Konflikte oder Verschwörungstheorien. Häufig werden diese Themen aber in Schule und Jugendarbeit nicht thematisiert. Stattdessen werden diese Themen dann von den „falschen“ Leuten angesprochen. In der schulischen sowie der außerschulischen Bildungsarbeit müssen die Themen der Jugendlichen daher systematisch angesprochen werden. Eine weitgehend offene Forschungsfrage ist, wie alle Bevölkerungsgruppen erreicht werden können, z. B. auch neuzugewanderte Erwachsene.

 

4. Vor welche Herausforderungen steht die politische Bildung im Kontext von Flucht und Asyl?

Die politische Bildung hätte hier enorm viel zu leisten. Es macht nämlich neben anderen Aspekten einen grundlegenden Unterschied, ob jemand in einem liberalen Staat aufgewachsen ist oder nicht. Vieles von dem, was unsere Gesellschaft ausmacht, haben die Menschen nicht in der Schule oder anderen institutionellen Settings gelernt, sondern in alltäglichen Sozialisationsprozessen. Das ist ein enormes Areal impliziten Wissens. In einem Einwanderungsland muss sich die politische Bildung mit dem für Einheimische „Selbstverständlichen“ befassen. Man muss Neuzugewanderten die eigene Gesellschaft erklären, das ist sehr anspruchsvoll.

Gleichzeitig spürt man allerorts einen bevorstehenden Rechtsruck in der Bevölkerung, nicht nur in Deutschland, sondern in nahezu allen offenen Gesellschaften. Die Polarsierungen und Umbrüche in Europa und weltweit stellen an die politische Bildung und die Politik ganz sicher Anforderungen und Herausforderungen in bisher kaum gekannten Ausmaß.

 

5. Das Jahresthema der Transferstelle 2016 lautete „Wenig erreichte Zielgruppen der politischen Bildung – Forschung zu Zugangsmöglichkeiten“. Welche empirische Forschungsarbeit ist Ihnen in diesem Bereich in letzter Zeit besonders aufgefallen und was ist Ihrer Meinung nach die dringendste Forschungsfrage bezüglich Zugangsmöglichkeiten zu politischer Bildung?

Es gibt eine Reihe von empirischen Forschungsarbeiten, die sich mit sozialräumlicher Segregation befassen und dabei insbesondere politische Partizipation problematisieren. Daraus ergibt sich auch eine zentrale Fragestellung: Wie kann man resignierte oder verbitterte Milieus durch politische Bildung erreichen? Das betrifft Menschen aller Altersgruppen. Dabei ist das nicht allein eine Frage für die politische Bildung, sondern selbstverständlich auch für die politischen Akteure selbst.

 

Veröffentlicht am 17. Januar 2017



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